Alte Leipziger feuert Vorstand Holzwarth

Hermann Gühring neuer Konzernchef – Mitgliedervertreter tagen nicht. Von Herbert Fromme, Köln

Die Versicherungsgruppe Alte Leipziger (AL) beginnt auch das Jahr 2001 mit einem Paukenschlag in der Oberurseler Topetage. Am Mittwoch entließ das Unternehmen wie erwartet (FTD vom 9. Januar) den Vorstand Axel Holzwarth. Er war bis November 2000 Sprecher der Alte Leipziger Lebensversicherung und seitdem einfaches Vorstandsmitglied. Neuer Sprecher der AL Leben wird Hermann Gühring, der dieselbe Rolle beim Gruppenmitglied Hallesche-Nationale Krankenversicherung wahrnimmt.

Damit steht Gühring, 60, an der Spitze der gesamten Alte-Leipziger-Gruppe. Die Position des Konzernchefs war unbesetzt, seit Hanns-Jürgen Weigel im Oktober 2000 im Streit ausschied. Gührings Stellvertreter ist Vertriebschef Gerhard Bilsing, 47. Auch er kommt von der Halleschen-Nationalen in Stuttgart.

Holzwarth war mit dem mächtigen Aufsichtsratsvorsitzenden Paul Wolf aneinander geraten, der ihn selbst 1998 zur AL geholt hatte. Wolf wollte den Versicherungsmanager Heiner Feldhaus von der Concordia zum Gruppenchef machen, Holzwarth war für eine interne Lösung. Feldhaus hat das Angebot inzwischen dankend abgelehnt, aber Holzwarth stolperte über seine Kritik, die Wolf als Unbotmäßigkeit empfand.

Holzwarth ist der fünfte Vorstand, der in den vergangenen zweieinhalb Jahren das Unternehmen verlassen musste – alle eher unfreiwillig und auf Betreiben des allgegenwärtigen Wolfs, früher selbst Vorstandschef der Halleschen-Nationalen.

Die Alte-Leipziger-Gruppe wird von zwei Versicherungsvereinen geführt, der Alte Leipziger Lebensversicherung und der Halleschen Nationalen. Eigentlich gehören diese Vereine ihren Mitgliedern, also allen Versicherten. Die Machtfülle Wolfs zeigt eine Achillesferse dieser Rechtsform auf: Die Mitgliedervertreter müssen auch in Krisensituationen nicht befragt werden, Manager und frühere Manager entscheiden. Die Alte Leipziger Leben habe keine Sondersitzungen der Mitgliedervertretungen durchgeführt und plane auch keine, ließ Wolf mitteilen.

Gühring hat eine schwere Aufgabe vor sich. Mit 5,1 Mrd. DM Umsatz im Jahr 1999 gehört die Alte Leipziger zu den mittelgroßen Versicherungen, die unter dem scharfen Wettbewerb seit der Deregulierung 1994 am meisten leiden und jahrelang Marktanteile verloren haben.

Erst in den letzten Monaten gelang es der Gruppe, den Abwärtstrend zu stoppen. Die Lebensversicherung legte 2000 um fünf Prozent auf rund 2 Mrd. DM Beitragszahlungen von Kunden zu. Gegen den Markttrend lag auch das Neugeschäft der AL Leben nach eigenen Angaben im Jahr 2000 höher als 1999. Die Krankenversicherung – die ohnehin immer besser als ihre Lebens-Schwester dastand – konnte das Geschäft um rund drei Prozent auf knapp 1,2 Mrd. DM weiter ausbauen.

In der Schaden-und Unfallversicherung verabschiedete sich das Unternehmen vom verlustbringenden Autogeschäft. Als Folge gingen die Prämieneinnahmen um fünf Prozent auf rund 750 Mio. DM zurück. Gleichzeitig nahm die Gruppe erfolgreich den Fonds-Vertrieb auf.

Im vergangenen Jahr hatte sich die Alte Leipziger von ihrem ausgedehnten Auslandsengagement in Osteuropa verabschiedet und die Töchter an die Münchener Rück verkauft, ebenso wie die eigene Rückversicherung. Der Gewinn aus diesem Geschäft wird das Jahresergebnis 2000 deutlich aufbessern. Das Management nutzt den Verkaufserlös vor allem für den Ausbau des Kerngeschäfts in der Lebensversicherung. Anfangserfolge sind erkennbar.

Gühring wird es nicht leicht haben, an diese ersten Erfolge anzuknüpfen. Er muss in Oberursel Misstrauen gegen die Übernahme durch die Stuttgarter Schwester ausräumen. Schließlich steht kein in Oberursel groß gewordener Manager mehr in der ersten Reihe. Er muss in seinem Vorstand erreichen, dass die Manager das Unternehmen tatsächlich führen und nicht aus Angst vor der Machtfülle Wolfs und seines überalterten Aufsichtsrats wichtige Entscheidungen scheuen. Schließlich muss Gühring den eigenen Vertrieb und die Makler – eine wichtige Vertriebsschiene – beruhigen und sie überzeugen, dass die Alte Leipziger weiter auf dem richtigen Weg ist.

Langfristig wird Gühring nicht darum herumkommen, das Unternehmen in der anstehenden Konsolidierung des deutschen Versicherungsmarktes neu zu positionieren. Nach gescheiterten Fusionsverhandlungen mit Parion und HDI hatte das AL-Management im November 1999 den Erhalt der Selbstständigkeit als Ziel propagiert. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Position langfristig zu halten sein wird. Die Alte Leipziger wird Partner brauchen, muss sich Gedanken über den Zugang zu den Kapitalmärkten machen und ihre Struktur überprüfen.

Oktober 1998

Vorstandschef Hanns-Jürgen Weigel geht nach Streit mit der Vorstandsmehrheit.

Anfang 1999

Finanzchef Manfred Lorch muss gehen, weil er gegen die(inzwischen gescheiterte) Fusion mit der Parion opponierte.

März 2000

Der glücklose Vertriebschef Stefan Adams nimmt seinen Hut.

Juni 2000

Auslandschef Hans-Dieter Knüttel geht nicht ganz freiwillig vorzeitig in den Ruhestand.

Januar 2001

Lebens-Vorstand Axel Holzwarth (Foto) wird entlassen, weil er gegen die Personalpolitik des Aufsichtsratschefs ist.

Quelle: Financial Times Deutschland


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