Wie ein schlecht gepackter Koffer

Mit Rat, Tat und guten Worten hat die deutsche Versicherungs-und Finanzdienstleistungsbranche die Einführung einer privaten, aber staatlich geförderten Vorsorge fürs Alter im Zuge der Rentenreform vorangetrieben. Doch statt des Milliardengeschäfts winken nun vor allem für die kleineren Unternehmen Millionenkosten, Umstrukturierungen und vielleicht die Pleite.. Von Herbert Fromme, Köln

Der sonst so ruhige Versicherungsmanager war deutlich erregt. Die Rentenreform sei „wie ein schlecht gepackter Koffer, der nur zugeht, wenn man sich draufsetzt“. Vor allem die Einbeziehung des Bausparens sei eine „absolute Lachnummer“, schäumte Gert Haller, Vorstandschef der Wüstenrot & Württembergischen (W&W).

Herbe Kritik an einem Gesetzentwurf, der eigentlich die Handschrift der Versicherer trägt. Jahrelang hatte die Branche für die stärkere private Vorsorge getrommelt. Als der Entwurf von Bundesarbeitsminister Walter Riester in Ansätzen deutlich wurde, war der Jubel groß. Noch im August 2000 hatte Hans Schreiber, Chef der Mannheimer Versicherung und Präsident des Versicherer-Arbeitgeberverbandes, die Teilurheberschaft für die Riester-Reform mit Recht für seine Branche reklamiert.

„Wir haben in der Diskussion sicherlich eine glückliche Rolle gespielt“, sagte Schreiber damals.Die Versicherer hätten mit von ihnen finanzierten wissenschaftlichen Gutachten aufgeklärt, „wir haben Wissensmanagement organisiert“.Riester habe zugehört und dann radikal mit einer Reihe von Tabus gebrochen – wie zum Beispiel dem, dass die Sozialversicherung den Lebensstandard sichern müsse.

Schreibers Äußerungen waren nicht unumstritten. „In der damaligen politischen Auseinandersetzung in Berlin war es reines Gift, so etwas öffentlich zu sagen“, sagte ein führender Lobbyist der Versicherungsbranche. Die Betonung der Rolle der Assekuranz habe den Gegnern des Projekts genutzt, fürchtete er.Schlecht ging es der Lebensversicherungsbranche schon vor Riester nicht. Rund 88 Millionen Policen sind zurzeit in Kraft, mehr als eine pro Kopf der Bevölkerung. Mit 117 Mrd.DM Prämieneinnahmen hatte die Branche 2000 wieder ein gutes Jahr. Trotzdem blicken die Herren aus ihren Glastürmen und Marmorburgen neidvoll ins Ausland.

Nach Berechnungen der Schweizer Rück zahlte 1999 in Deutschland jeder Einwohner 762$ pro Jahr an Lebensversicherungsprämie, ein Amerikaner mit 1447$ fast doppelt so viel. In Europa liegt die Schweiz mit 2914$ pro Kopf und Jahr an Prämien vorn, gefolgt von Großbritannien mit 2503$ und Irland mit 1812 $.

Wachstum weckt Begierden Japan, das sein Altersvorsorgesystem schon früh zu einem großen Teil privatisiert hat, steht mit 3103 $ an der Spitze.Ein solches Wachstumspotenzial weckt Begierden. Die Debatte um die Bevölkerungsentwicklung und die Begrenzung der Lohnnebenkosten wurde von der Branche nach Kräften gefördert – sie präsentierte sich als Nothelfer in der Krise.

Dabei ließen die Manager gerne unter den Tisch fallen, dass auch private Alterssicherungssysteme ihre Probleme haben. In Japan sind bisher sieben Lebensversicherer insolvent geworden, weil sie die zugesagten Leistungen für ihre Kunden nicht mehr erbringen konnten. In Großbritannien muss sich Equitable Life selbst verkaufen, weil deren Versicherungsmathematiker in Zeiten galoppierender Inflation entsprechend hohe Zusagen an Kunden errechneten, die dann nicht erwirtschaftet werden konnten.

Von solchen Risiken war in der deutschen Debatte kaum die Rede.Stattdessen kombiniert die Versicherungsbranche harte Zahlen mit einem eigentümlichen Wunderglauben. Mit Studien belegt sie, dass die Bevölkerungsentwicklung, wenn sie so eintritt wie projeziertprojiziert, unerträglich hohe Beitragsbelastungen der gesetzlichen Rentenversicherungen mit sich bringt. Gleichzeitig erklärt sie, und hier setzt der Wunderglaube ein, dass sie und ihre Kapitalanlagen vollständig immun gegen eine solche negative Bevölkerungsentwicklung seien.Doch wer heute eine Lebensversicherung mit einer Laufzeit von 30 Jahren abschließt, verlässt sich auf viele Faktoren: Dass die im Laufe der Zeit von den Unternehmen gekauften Aktien auch 2031 noch einen Käufer finden; dass genügend Bürger Steuern zahlen, um die Staatsanleihen zu bedienen; dass Industrie und Gewerbe so viel Gewinn erwirtschaften; dass Dividenden gezahlt werden und die Papiere überhaupt noch etwas wert sind.

Die Versicherer verweisen gerne auf das Ausland, das die deutschen demographischen Probleme nicht habe, vor allem die grossengroßen Märkte in China, Indien und Lateinamerika: Wenn die Deutschen – wegen ihrer geringeren Bevölkerungszahl und wegen der Auszahlungsphase – keine Aktien mehr kaufen würden, würden die aufstrebenden Länder schon einspringen. Eine schöne Hoffnung.Für die Versicherer kann es eigentlich nichts besseres als Riester geben: eine Regierung, die den Bürgern rät, privat vorzusorgen, die gleichzeitig in der Endstufe rund 20 Mrd. DM als Zuschüsse zahlt, und eine Bevölkerung, die über die staatliche Rentenpolitik zutiefst verunsichert ist.Auch bei vielen Versicherungsmanagern ist die Euphorie verflogen. Es kommen Zweifel auf, ob die Riester-Reform der Branche wirklich nur nützt – oder nicht auch zu einem tief greifenden Umbruch führen könnte.Immer mehr Vorständen kleiner und mittlerer Gesellschaften dämmert, dass ihre Unternehmen dabei unter die Räder kommen könnten. Anders dagegen die Marktführer Allianz und Ergo, die zur Münchener-Rück-Gruppe gehört. Sie halten sich mit Kritik an dem Konzept zurück.Einzelheiten des Gesetzes findet man ungeschickt, die Ungleichbehandlung von Lebensversicherungen und Pensionsfonds oder Pensionskassen bei der betrieblichen Altersversorgung müsse beseitigt werden, notfalls gerichtlich, sagt die Allianz. Aber ingesamtinsgesamt sei die Riester-Rente ein wichtiger und richtiger Schritt. Selbst Kritik an der bürokratischen Verwaltung der Zuschüsse durch eine neue Mammut-Behörde verkneifen sich die Großen.

Tatsächlich werden vor allem die großen Versicherer profitieren: Erstens deshalb, weil die betriebliche Altersvorsorge einer der wichtigsten Teile der Riester-Rente werden wird – bis zu 50 Prozent des Marktes nach Schätzungen der Axa Colonia. Hier haben nur die Großen das Know-how und die Finanzkraft, große Belegschaften abzusichern.

Zweitens haben sie eigene Fondsgesellschaften und enge Vertriebsbeziehungen zu Banken. Allianz und Ergo führen hier das Feld an. Auch die öffentlichen Versicherer in Kooperation mit den Sparkassen gehören zu den absehbaren Gewinnern.

Die Mechanik der Riester-Rente sorgt dafür, dass die kleinen und mittleren Lebensversicherer kaum mithalten können. Anders als bei der klassischen Lebensversicherung mit ihrer derzeitigen Garantieverzinsung von 3,25 Prozent, muss bei den Riester-Produkten nur die eingezahlte Für traditionelle Lebens-und Rentenversicherungen müssen die Unternehmen ihren Kunden eine Nettoverzinsung von 3,25 Prozent garantieren. Sie dürfen nur bis zu 30 Prozent in Aktien und Aktienfonds anlegen, den Rest in festverzinslichen Papieren und Immobilien.Das Riester-Konzept verlangt das nicht. Versicherer können Produkte mit der klassischen Garantieverzinsung anbieten.Summe gegen Verlust gesichert werden. Wird die Inflation mit eingerechnet, bedeutet das eigentlich eine Minusverzinsung.Bei Rentenbeginn muss das eingezahlte Kapital vollständig vorhanden sein. Das entspricht einer Nullverzinsung, oder, wenn richtigerweise die Inflation eingerechnet wird, einer Minus-Verzinsung. Das erlaubt den Anbietern, deutlich wagemutiger in ihrer Anlagepolitik zu sein. Die bisher vorgestellten Riester-Angebote sind deshalb gemischte Sparprodukte: Ein Teil des Geldes wird in Fonds angelegt, ein kleinerer Teil – oft 30 bis 40 Prozent – nach traditioneller Lebensversicherermanier. Dieser kleinere Teil reicht aus, um den geforderten Kapitalerhalt sicherzustellen.Technisch besteht die Mehrzahl der Riester-Verträge in der Ansparphase aus Sparverträgen mit einem hohen Anteil an Fonds.Bei Erreichen des Rentenalters werden diese Sparpläne in Rentenversicherungen umgewandelt. Erst dann tritt der Versicherer als Risikoträger auf.

Kleine müssen zukaufen Viele kleine und mittlere Gesellschaften, die keine eigene Fondsorganisation haben, werden diese Dienstleistung von außen zukaufen müssen. DWS, DIT, Adig – alle sind nur zu gerne bereit, den Versicherern zuzuliefern, wie heute schon bei fondsgebundenen Lebensversicherungen. Allerdings ist das nicht billig. Und: Wer einen Fonds der Dresdner-Bank-Tochter DIT für seine Produkte verwendet, macht künftig auch den Konkurrenten Allianz reich.

Zunehmend wird die Pfefferminzia so bei Riester-Produkten zur reinen Vertriebsorganisation. Die Fonds kommen von außen. Die Software, um die neuen Produkte zu verwalten, muss sie zukaufen, ihre eigenen Systeme passen nicht. Die Produktentwicklung, ihr eigenes Feld, kann sie nur beschränkt leisten. Sie braucht Hilfe von außen oder schreibt, wenn möglich, ganz einfach ab, ein durchaus gängiges Verfahren in der Assekuranz. Viele werden dabei zunehmend zur reinen Vertriebsorganisation. Das macht auch wenig Freude, denn die Vertreter sind hohe Abschlussprovisionen gewohnt. Bei einer klassischen Lebensversicherung über 100000DM sind über 3000DM Provision drin, die der Kunde mit den Beiträgen der ersten Monate zahlt. Bei Riester-Verträgen ist die Vorfinanzierung durch den Kunden verboten, der Versicherer muss die Provision über zehn Jahre strecken.

Aber kaum ein Außendienst wird sich damit zufrieden geben. Ohnehin bringen die Riester-Produkte nur kleine Summen in das Vertreter-Portemonnaie. Zunächst wird ein Prozent des Jahreseinkommens staatlich gefördert. Schließt ein 30-Jähriger mit einem Jahreseinkommen von 20000 Euro einen Vertrag ab, bringt das im ersten Jahr rund 200 Euro in die Kasse des Versicherers, davon kassiert der Vertreter rund 75 Euro. Später werden weitere Beträge fällig, insgesamt rund 250 Euro. „Der Markt erzwingt, dass wir diese Provisionen vorfinanzieren und nicht über zehn Jahre strecken“, erläutert Jochen Aymanns, Chef der Gerling Leben. Auch Allianz, Axa und Ergo wollen ähnlich verfahren. Damit ist die Vorfinanzierung als Marktstandard gesetzt. Vertriebsschwache Versicherer, die die Vertriebsleistung zukaufen, müssen dabei besonders bluten: Vertriebsorganisationen wie AWD oder Tecis können es sich leisten, deutlich höhere Provisionsforderungen zu stellen.

Der Riester-Markt wird nur einmal verteilt. Wer dabei sein will, muss jetzt handeln. Das nötige Geld muss der Versicherer aus eigenen Mitteln aufbringen, wenn er dafür keinen Rückversicherer findet.Auch die Stärkung der Eigenkapitalbasis, gerade für Gegenseitigkeitsvereine, fällt oft schwer. Erneut könnten Rückversicherer helfen. Die aber werden äußerst vorsichtig sein. Bei der Riester-Police hat der Kunde in der Ansparphase weit reichende Wechselmöglichkeiten. Das Risiko der vorzeitigen Vertragsauflösung, das so genannte Storno-Risiko, ist also sehr hoch. Gerade Kunden, die jetzt schon abschließen, können leicht wieder verloren gehen: Wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften dann 2002 oder 2003 die entsprechenden Tarifverträge unter Dach und Fach haben, werden viele wechseln.Noch bitterer wird die Pille, wenn sich die Befürchtung bewahrheitet, dass die neuen Verträge vor allem „normale“ Verträge ersetzen, die von der Assekuranz sonst verkauft würden. Jährlich verkauft die Branche schon jetzt sieben bis zehn Millionen Policen.

W&W-Chef Gert Haller, der die Rentenreform eine „Lachnummer“ nennt, ist besonders geschädigt: sein Konzern besteht zur Hälfte aus der Wüstenrot-Bausparkasse. Die Bausparkassen befürchten zu Recht, dass die Riester-Reform erhebliche Hindernisse für die klassische Baufinanzierung errichten wird.Aus einer ganz anderen Perspektive betrachten die Marktführer die Riester-Rente. Für die Allianz war das Gesetzesvorhaben sogar einer der Faktoren, die Übernahme der Dresdner Bank endlich voranzutreiben. „Wir schätzen, der heutige Altersvorsorgemarkt wird sich, induziert durch die Riester-Reform, bis 2010 von 350 Mrd. Euro auf 760 Mrd. Euro mehr als verdoppeln“, sagte Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle.letzte Woche. Die Allianz kann auf einen Schlag eine Reihe von Schwächen und Versäumnissen beseitigen und ihre Stärken ausspielen.

Über den Umweg der Riester-Rente führt auch der Marktführer fondsgebundene Lebensversicherungen ein. Jahrelang hatte das Management der Allianz-Leben in Stuttgart sich diesem Trend widersetzt, nur die kleine Tochter Deutsche Lebensversicherung in Berlin durfte mit den neuen Produkten experimentieren.Die Riester-Rente rechtfertigt wie kaum ein anderes Finanzprodukt den Vertrieb über Bankschalter und damit die Übernahme der Dresdner Bank. Ohnehin erwarten viele Marktbeobachter, dass der Bankvertrieb den Löwenanteil an privat abgeschlossenen Riester-Produkten haben wird, vor allem bei Fonds. „Bei der Bank sind die Fixkosten schon gedeckt, die müssen nicht mit den Riester-Produkten verdient werden“, erläutert Norbert Heinen, Vorstand der Gerling Leben und prominentes Mitglied des Lebensversicherungs-Ausschusses im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft.

Schließlich stehen Gewerkschaften und Arbeitgeber in den Startlöchern, um das Feld der privaten Altersvorsorge durch tarifvertragliche Vereinbarungen zu besetzen. Nach Schätzungen der Axa Colonia könnten bis zu 50 Prozent des durch die Rentenreform entstehenden Marktes über die betriebliche Schiene verteilt werden. – allein schon aus Kostengründen: Der Einzelvertrieb über Vertreter und die teure Einzelverwaltung führen zu hohen Kosten, die nach Erfahrungen der Weltbank in anderen Ländern bis zu 30 Prozent der eingezahlten Summen ausmachen können. Betriebliche oder sogar überbetriebliche Lösungen sind deutlich billiger. Als Anbieter kommen bei branchenweiten Regelungen nur die Großen in Frage, selbst sie müssten ihre Kapazitäten durch Konsortien bündeln. Die Kleinen aber blieben außen vor, die meisten haben weder das Know-how noch die Finanzkraft für diese Größenordnungen.Für viele Versicherungsunternehmen ist die Rentenreform damit ein zweischneidiges Schwert. Sie tauschen solides Wachstum mit traditionellen Produkten gegen viel kompliziertere und teurer zu vertreibende Riester-Produkte ein. Wahrscheinlich wird die Reform den Trend zu Allfinanzkonzernen wie Allianz/Dresdner weiter beschleunigen.

Doch werden die Aktien-und Immobilienmärkte die zusätzlichen Altersmilliarden auch bewältigen können? Stehen Deutschland und Europa ähnlich wie die US-Amerikaner in den späten 90er Jahren vor einerliquiditätsbedingten Superhausse? Oder werden die Märkte zusammenbrechen, wenn alternde Babyboomer ihre Depots auflösen?

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Quelle: Financial Times Deutschland


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