Wingas hält am Bau eigener Pipelines fest

Recht auf Durchleitung von Erdgas durch fremde Netze bringt laut Vertriebschef Seele keinen echten Wettbewerb. Von Katrin Berkenkopf, Kassel

Der Kasseler Gasversorger Wingas will sein eigenes Pipeline-Netz auch nach der Liberalisierung des deutschen Gasmarktes weiter ausbauen. „Konkurrierender Leitungsbau ist die einzige Möglichkeit, regionale Monopole zu durchbrechen“, sagte Wingas-Vertriebschef Rainer Seele der Financial Times Deutschland. Wingas ist ein Tochterunternehmen der Kasseler Wintershall und des russischen Gaskonzerns Gasprom, dem größten Gasversorger der Welt. Wintershall wiederum gehört dem Ludwigshafener Chemiekonzern BASF.

Wingas brauche weitere Pipelines, obwohl sich die Versorger nach der Liberalisierung des Gasmarktes im vergangenen Jahr die gegenseitige Durchleitung von Erdgas durch ihre Netze gestatten müssten, sagte Seele. „Wo es nur ein Rohr gibt, gibt es auch keine Wettbewerbs-Konditionen.“

Am deutschen Ferngasmarkt hält Wingas einen Anteil von 13 Prozent; Marktführer Ruhrgas hält knapp über 60 Prozent mit fallender Tendenz. Wingas wurde 1990 von BASF – einem der größten deutschen Gasverbraucher – und Gasprom gegründet. Ziel war es von Anfang an, Druck auf den Zwischenhändler Ruhrgas auszuüben, den größten Importeur von Erdgas nach Deutschland. Das Durchleitungsrecht ist eine ureigene Forderung des Kasseler Herausforderers, aber jetzt sieht das Management es nur noch als notwendige Ergänzung, um neue Kunden zu erreichen.

Mit eigenen Leitungen hat sich Wingas schon vor der Öffnung fremder Netze im August 2000 den Markt erschlossen. Aktuell verfolgt das Unternehmen vor allem zwei Projekte: eine 34 Kilometer lange Leitung zum Industriegebiet Frankfurt-Hoechst und eine 150 Kilometer lange Pipeline von Heppenheim nach Stuttgart.

Während das baden-württembergische Wirtschaftsministerium die Pläne enthusiastisch begrüßt, stieß Wingas mit der kürzeren Leitung in Hessen auf Widerstand. Die zuständige Regionalversammlung lehnt den Bau aus Umweltschutzgründen ab, außerdem sei er wegen vorhandener Kapazitäten überflüssig. Inzwischen kann Wingas wieder hoffen: Anfang Juli hob das Ministerium den ablehnenden Bescheid auf.

Hinter der Opposition gegen die geplante Pipeline wittert Wingas eine Kampagne des großen Konkurrenten Ruhrgas. Geht es um Ruhrgas, sparen die Wingas-Manager nicht mit Kritik. „Einerseits wettert Ruhrgas gegen kalifornische Verhältnisse und erklärt, dass eine staatliche Regulierung Investitionen verhindere. Auf der anderen Seite führt man eine Kampagne gegen unseren Leitungsbau“, beklagte Seele.

„Vielleicht verschwindet der Name Ruhrgas ja bald“, kommentierte Seele die Übernahme von Ruhrgas-Anteilen durch Eon. „Inwieweit sich etwas durch den Einstieg von Eon ändert, ist noch reine Spekulation. Aber Ruhrgas muss sich schon wegen des Marktes ändern.“

Wingas sucht neue Kunden meist bei den etablierten Regionalversorgern, die mehrheitlich von Ruhrgas beliefert werden. Ab 1. Oktober beliefern die Kasseler die Papierfabrik SCA in Mannheim; das Geschäft nahmen sie der Ruhrgas-nahen MVV ab. Dafür bekommt das Unternehmen extra eine neue Wingas-Zuleitung.

Auch in Berlin sind die Vertriebsleute des Angreifers aktiv. Seele ist davon überzeugt, dass die ersten Lieferungen im Oktober starten. Bislang ist Berlin Monopolgebiet der Gasag, an der das französische Staatsunternehmen Gaz de France eine strategische Beteiligung hält. Hauptlieferant der Gasag ist wiederum die Ruhrgas.

Seele ist überzeugt, dass nicht der Preis, sondern die „Kundenorientierung“ der Wingas bei Stadtwerken und Unternehmen das überzeugendste Argument für den Wechsel ist. „Wenn Sie einen Kunden nur über den Preis gewinnen, werden sie ihn auch über den Preis wieder verlieren.“ Sollten einem Wingas-Kunden Gasmengen zu besonders günstigen Preisen von einem anderen Versorger angeboten werden, sei das kein Problem. „Es ist doch die Frage, ob es immer nur ein Partner bei der Belieferung sein muss. Auch künftig die Wahl zu haben, das ist doch der Unterschied zum Monopol.“

Die Stadtwerke Soest kaufen ab Oktober 20 Prozent ihrer jährlichen Lieferung von Ruhrgas, bisher von Wingas. Obwohl sich die Kasseler dafür als Förderer der Liberalisierung loben, gaben sie ihre Zustimmung nicht aus reiner Kundenfreundlichkeit: Vor Gericht haben die Exklusiv-Verträge aus der Zeit vor der Liberalisierung meist keinen Bestand.

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Quelle: Financial Times Deutschland


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