Zertifizierung sagt nichts über Qualität

Mit Recht weisen Verbraucherschutzorganisationen darauf hin, dass die jetzt schon angebotenen Riester-Policen und Sparpläne noch nicht amtlich zertifiziert sind. Sie raten Verbrauchern, mit dem Abschluss zu warten, bis die Zertifizierung vorliegt. Das wird nach Ansicht des Bundesaufsichtsamts für das Versicherungswesen (BAV) gegen Jahresende der Fall sein. Ohnehin gelten die Zertifikate ab dem 1. Januar 2002, denn erst dann gibt es staatliche Zuschüsse.

Die Riester-Rente wird nur staatlich bezuschusst oder steuerlich gefördert, wenn sie bestimmten Kriterien entspricht. Dazu gehören die Garantie des eingezahlten Kapitals, die Informationspflicht über die Verwendung der Beiträge sowie die Verteilung der Abschlusskosten, die dem Kunden berechnet werden, auf zehn Jahre.

Bedeutung überschätzt Allerdings überschätzen die Verbraucherschützer die Bedeutung der BAV-Zertifizierung. Denn der offizielle Stempel zeigt nichts weiter an als die Übereinstimmung mit den gesetzlichen Anforderungen. Es ist höchst unwahrscheinlich, dass eine größere Zahl von jetzt auf dem Markt angebotenen Produkten den amtlichen Test nicht besteht. Umgekehrt sagt das Zertifikat, wenn es denn erteilt ist, wenig über die Qualität des Angebots, etwa die Rendite einer Rentenversicherung.

„Wir fungieren hier eigentlich als Finanzamt“, sagt BAV-Präsident Helmut Müller. Die Zertifizierung entspreche einer Finanzamtsbescheinigung für die steuerliche Behandlung eines Finanzprodukts. „Der Begriff Zertifizierung wird in der Regel mit Gütesiegel verwechselt“, warnt auch Ingo Möllhoff, Abteilungsleiter im BAV und Chef der Arbeitsgruppe Zertifizierung. „Das Zertifikat ist aber kein Qualitätsurteil.“

Am 1. August ist das Zertifizierungsgesetz in Kraft getreten. Möllhoff erwartet „nach einer groben Schätzung“ in diesem Jahr 20000 Anträge von Anbietern auf Zertifizierung, weitere 20000 im ersten Halbjahr 2002. Das muss er mit höchstens 70 Beschäftigten bewältigen, denn dafür stehen dem BAV, das rund 300 Mitarbeiter hat, keine neuen Planstellen zur Verfügung.

Da die Prüfung in wenigen Monaten abgeschlossen sein muss, hält Möllhoff die Einzelprüfung für „kaum möglich“. Deshalb können Spitzenverbände der Anbieter – also Banken, Sparkassen, Versicherer, Fonds – Vertragsmuster zertifizieren lassen. Gespräche mit den Verbänden über diese Muster finden bereits statt. „Wir gehen dann davon aus, dass Anbieter, die sich auf ein Muster berufen, sich daran auch halten“, sagte Möllhoff. Das Amt werde aber nicht mehr jedes einzelne Angebot mit dem zertifizierten Muster vergleichen können.

Das Bundesfinanzministerium, dem das BAV untersteht, macht Druck auf die Behörde: Sie soll den Zertifizierungsprozess sogar noch beschleunigen und schon zum 1. Oktober Zertifikate erteilen – zwei Monate nach Inkrafttreten des Zertifizierungsgesetzes am 1. August.

Die Kritik wirkt Die Versicherer spüren inzwischen die Auswirkungen der Kritik der Verbraucherschützer. Bernd Hemmersbach von der Axa: „Die Grundeinstellung unseres Vertriebs ist sehr gut. Allerdings nimmt die Berichterstattung in der Verbraucherpresse vielen Kunden die Neigung zur sofortigen Unterschrift.“ Er wirft den Verbraucherschützern vor, dass ihre intensiven Kampagnen gegen den frühen Abschluss die Riester-Rente und die gesamte private Altersvorsorge in ein negatives Licht rücken. „Dann stellt sich die Frage, ob man das zurückdrehen kann.“

Der Versicherungsmanager muss aber zugeben, dass es in der Branche schwarze Schafe gibt – etwa Unternehmen, die traditionelle Lebens-Policen mit hohen Abschlusskosten, die gleich zu Beginn fällig werden, mit dem Hinweis auf Riester verkaufen und später auf tatsächlich zertifizierungsfähige Produkte. Solche Verträge kommen Kunden sehr teuer.

Quelle: Financial Times Deutschland


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