Krise droht Luftverkehr lahm zu legen

Der weltweite zivile Luftverkehr könnte am Montagabend weitgehend zum Erliegen kommen, weil die Fluggesellschaften keinen ausreichenden Versicherungsschutz mehr finden. Zu diesem Termin haben die Versicherer nach den Terroranschlägen in den USA die meisten Haftpflichtdeckungen gekündigt. Das gilt auch für die Deutsche Lufthansa.

Die Krise der Branche hat sich damit zu einer akuten Bedrohung des internationalen Flugverkehrs zugespitzt. Bei ihren Treffen an diesem Wochenende wollen die Regierungen der EU nun prüfen, ob die Situation durch staatliche Garantien für Schäden durch Terrorangriffe entschärft werden kann. Gelingt das nicht, müssen die meisten Anbieter ihre Flüge am Montag um 24 Uhr einstellen.

Wie jedes Auto muss auch jedes Flugzeug für den Fall versichert sein, dass Passagiere oder Dritte zu Schaden kommen oder Sachschaden angerichtet wird. Nach den Anschlägen mit entführten Flugzeugen in den USA haben die Luftfahrtversicherer weltweit den Fluggesellschaften die Verträge mit einer Frist von sieben Tagen gekündigt. Sie läuft für die meisten Flotten am Montag aus, für wenige am Donnerstag.

Den Versicherern geht es dabei nicht um höhere Prämien, die würden sie ohnehin bekommen. Sie wollen und können vielmehr bestimmte Risiken nicht mehr so versichern, wie die Fluggesellschaften es brauchen, um fliegen zu können. „Wir haben eben auch Aktionäre“, sagte ein Versicherer. Weltweit sei für diese Risiken kein Rückversicherungsschutz zu bekommen. „Die Versicherer fürchten weitere terroristische Angriffe in der momentanen politischen Situation.“

Für die Fluglinien wird die Versicherung in jedem Fall teurer. „Die Versicherer haben uns nach der Kündigung ausreichenden Versicherungsschutz für den Wert der Flugzeuge und für die Haftung gegenüber den Passagieren angeboten, allerdings zum siebenfachen beziehungsweise dreifachen Preis“, sagte Lufthansa-Versicherungschef Ralf Oelßner.

Das eigentliche Problem ist aber die Haftung für Sach-und Personenschäden außerhalb des Flugzeugs. „Hier wollen die Versicherer bei Schäden aus Kriegsrisiken höchstens 50 Mio. $ pro Flugzeug decken“, sagte Oelßner. Bisher hatten die Fluglinien Deckungen von 1 Mrd. $ und mehr. Die Konsequenzen sind dramatisch. Die Luftverkehrsaufsicht zahlreicher Staaten verlangt deutlich höhere Summen, Hongkong sogar 1Mrd.$. Unzureichend versicherte Maschinen dürfen dorthin nicht fliegen.

Hinzu kommt, dass viele Flugzeuge geleast sind. In den Verträgen finden sich ebenfalls Mindest-Versicherungssummen, in der Regel 750 Mio. $. Werden die nicht nachgewiesen, muss die Maschine am Boden bleiben. Oft gilt sogar, dass die Airline bei fehlender Versicherung das Flugzeug vom Leasinggeber kaufen muss.

In der Bundesregierung löste das neue Problem hektische Betriebsamkeit aus. Eine Lösung gab es bis gestern Abend noch nicht. Wenn der weltweite Flugbetrieb tatsächlich gefährdet sei, würden die EU-Staats-und Regierungschefs nicht untätig bleiben, hieß es in Regierungskreisen. „Niemand wird zulassen, dass der weltweite Flugbetrieb lahm gelegt wird.“ Dafür müssten möglicherweise unterschiedliche Lösungen für die USA, Europa und Asien gefunden werden. In Großbritannien wandten sich zwölf Airlines mit der dringenden Bitte um Hilfe an die Regierung.

Offen ist, ob die Fluglinien beim Treffen der EU-Finanzminister in Lüttich Unterstützung von Verkehrskommissarin Loyola de Palacio für staatliche Garantien erhalten. De Palacio ist zwar bereit, die Preissteigerungen beim Versicherungsschutz abzufedern, von staatlichen Garantien war aber bisher nicht die Rede.

Der US-Schaden kostet die Luftfahrtversicherer 128 Mio. $ für die Flugzeuge und mehr als 6 Mrd.$ für die Haftpflichtdeckung der Maschinen. Weltweit nehmen sie pro Jahr nur rund 1,3 Mrd. $ an Haftpflichtprämien ein. Es bleibt ein hoher Verlust, den einige Spezialversicherer mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht überleben werden.

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Quelle: Financial Times Deutschland


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