Regierungen haften zunächst für Fluglinien

Ein Stillstand der Weltluftfahrt ist zunächst abgewendet. Die europäischen Finanzminister haben sich am Wochenende auf staatliche Garantien für Schäden aus terroristischen Überfällen oder Kriegshandlungen geeinigt und damit den Airlines ermöglicht, trotz Kündigung der Verträge durch die Luftfahrtversicherer weiter zu arbeiten. Ähnliche Zusagen hat auch die US-Regierung gemacht.

Die Versicherungsbranche zeigte sich begrenzt entgegenkommend. Am Freitag einigten sich Luftfahrtversicherer und Airlines, dass die Kündigungen der bestehenden Verträge einheitlich zum Donnerstag wirksam werden. Ursprünglich war den meisten Flotten schon zum Montagabend gekündigt worden.

In der Hauptsache bleiben die Versicherer hart. Statt mit 1Mrd.$ und mehr, dem bisherigen Standard, wollen sie Schäden aus Kriegs-und Terrorismusrisiken an Personen und Sachen außerhalb des Flugzeugs zunächst nur noch bis 50 Mio. absichern. Zuletzt waren einige bereit, diese Summe auf 100 Mio. $ zu erhöhen. Die Airlines hätten bei einer so geringen Deckung in vielen Ländern nicht mehr landen dürfen und gegen laufende Leasingverträge verstoßen, die in der Regel eine Mindestabdeckung von 750 Mio. $ vorsehen.

Stellvertretend für andere Carrier sagte SAS Scandinavian Airlines, das Limit sei bei weitem nicht ausreichend. Unter diesen Umständen sei SAS nicht bereit, den Flugbetrieb weiterzuführen. Ohne eine Einigung hätte SAS bereits heute morgen ihre Transatlantikflüge gestrichen.

Ab Donnerstag gilt: Wenn ein Flugzeug durch Krieg oder Terror Schaden an Dritten anrichtet, wie das in New York und Washington der Fall war, haften die Luftfahrtversicherer künftig nur noch bis 50 Mio. $ oder 100 Mio. $. Für alle Schäden, die darüber hinausgehen, zahlen die jeweiligen Heimatstaaten der Luftfahrtunternehmen.

Die Versicherer argumentieren mit den US-Schäden. Dort müssen allein die Luftfahrt-Haftpflichtversicherer über 6Mrd. $ zahlen, ihre gesamten Prämieneinnahmen im Jahr 2000 betrugen 1,3Mrd.$. Die Assekuranz fürchtet weitere Terroranschläge – gerade während eines US-Militärschlags.

Die europäischen Finanzminister machten deutlich, dass sie nur wegen der aktuellen Notlage eingesprungen sind, die Lösung aber eigentlich nicht für wünschenswert hielten. Bundesfinanzminister Hans Eichel bemäkelte, dass Versicherungen und Airlines das Problem „dem Staat vor die Füße werfen. Besser wäre es, die Angelegenheit durch den Markt zu regeln“. Der luxemburgische Premier und Finanzminister Jean-Claude Juncker sagte: „Mehrere von uns haben die Haltung der Versicherungen als Erpressung bezeichnet, aber ein Stillstand der Flugzeuge hätte eine Lage verschlimmert, die ohnehin keine gute ist.“ Die Lufthansa lobte: „Durch eine gemeinsame europäische Lösung wird erreicht, dass es zu keinen Wettbewerbsverzerrungen kommt.“ Das Unternehmen ist zuversichtlich, dass es zu einer raschen Klärung der noch offenen Modalitäten kommt.

Luftfahrtversicherer, die vor allem über den Londoner Markt arbeiten, versuchten auch am Wochenende, erweiterte Deckungen zustande zu bringen. „Es liegt ein ungeheurer politischer Druck auf den Versicherern“, sagte ein Manager.

Um das Risiko überhaupt handhabbar zu machen, gibt es in der Branche Überlegungen zur Portionierung des Risikos. Bei Großrisiken ist es ohnehin üblich, sie in verschiedene Schichten, so genannte Layer, zu unterteilen, die von vielen Gesellschaften mit jeweils kleinen Anteilen gezeichnet werden.

Das Luftfahrtrisiko Krieg und Terrorismus gegen Dritte soll künftig in vier Schichten versichert werden. Für die erste bis 50Mio.$ Schaden pro Flugzeug und Zwischenfall haben sich ausreichend Versicherer gefunden. Für die nächste Schicht, die Schäden zwischen 50Mio.$ und 150Mio.$ abdeckt, steht seit dem Wochenende 60 Prozent der erforderlichen Kapazität zur Verfügung. Der dritte Layer, der bei Schadenzahlungen zwischen 150Mio.$ und 500Mio.$ greift, ist zu 30 Prozent besetzt. „Für die vierte Schicht für Schadenzahlungen über 500Mio.$ bis 1Mrd. $ gibt es bisher keine Versicherungskapazität.“ Dabei steht noch völlig offen, wie teuer die Deckungen sind. Nach der Kündigung aller Verträge hatten die Versicherer die Kasko-Deckung für Flugzeuge zum sieben-bis zehnfachen Preis erneuert. Die Haftung gegenüber den Passagieren für Kriegs-und Terrorismus-Risiko soll künftig 1,25 $ pro Passagier kosten, das ist eine Verdreifachung. Nach Angaben von Marktteilnehmern könnte dieser Betrag auf 2 $ angehoben werden, um für die Kriegs-und Terrorismusdeckung gegenüber Dritten zu zahlen.

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Quelle: Financial Times Deutschland


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