Kleine Versicherer mit großen Problemen

Von Herbert Fromme, Köln Ein großer Teil der deutschen Lebensversicherer kann den Kunden im nächsten Jahr keine Überschussbeteiligung über den gesetzlich garantierten 3,25 Prozent oder, bei älteren Verträgen, vier Prozent zahlen. Das glauben die Versicherungsanalysten der WestLB Panmure. Bei kleineren Versicherern sind rund 80 Prozent der stillen Reserven, also der Differenz zwischen Buchwert und Marktwert von Kapitalanlagen, durch die Börsenentwicklung der letzten Monate verschwunden.

In Zeiten niedriger Zinsen konnten die Unternehmen in den letzten Jahren Überschussbeteiligungen von über sieben Prozent nur durch gewinnbringende Aktienverkäufe – die Realisierung stiller Reserven – darstellen. Jetzt ist dieses Polster größtenteils verbraucht oder durch den Aktiencrash vernichtet.

Der deutsche Versicherungsmarkt steht vor einer Bereinigung durch Übernahmen und Zusammenschlüsse, argumentiert das WestLB-Analystenteam. Schwach kapitalisierte Sachversicherer leiden unter stark erhöhten Kosten für die Rückversicherung nach dem Terroranschlag vom 11. September, Lebensversicherer unter den schlechten Kapitalmärkten und den Anforderungen der Riester-Rente.

Vor allem Lebensversicherer mit weniger als 1 Mrd. Euro Prämieneinnahmen haben es künftig schwer, weil die Margen deutlich unter Druck sind, glaubt Chefanalyst Carsten Zielke. „Versicherungsvereine etwa werden sich künftig vermehrt zusammenlegen“, sagte er im Rahmen eine Telefonkonferenz, bei der er die neue Versicherungsstudie der WestLB Panmure vorstellte. Die momentane Lage vieler Gesellschaften sehen die WestLB-Fachleute eher düster. „Jahrelang zu hoch bezahlte Überschuss-Beteiligungen, gekoppelt mit extrem niedrigen Kapitalanlageergebnissen in diesem Jahr, haben zu einer finanziellen Schwäche vor allem von Lebensversicherern geführt, die nun Schwierigkeiten haben, die Vorfinanzierungen für die Riester-Produkte zu leisten.“

Nach der Liberalisierung des Versicherungsmarktes 1994 stürzten sich die meisten Versicherer auf das Lebensgeschäft. Vorbild war die Allianz Leben – die meisten Konkurrenten boten ihren Kunden ähnlich hohe Überschussbeteiligungen wie der Marktführer. Das aber war gefährlich, so Zielke und seine Kollegen. Denn die Allianz hatte wegen ihrer historisch gewachsenen Kapitalbeteiligungen hohe Bewertungsreserven, die sie geschickt als Puffer für einen gewagteren Investmentstil einsetzen konnte.

Die Konkurrenz konnte das nicht aufweisen, sie musste ihren Aktienbestand erst einmal aufbauen. Zwischen den Jahren 1994 und 2000 erhöhten die deutschen Lebensversicherer ihre Aktienquote von 12,7 Prozent auf 26,4 Prozent. Das erlaubte hohe Überschussbeteiligungen, das Hauptargument im intensiven Konkurrenzkampf.

Solange die Märkte boomten, ging alles gut. Im Jahr 2000 wurden viele Gesellschaften bereits auf dem falschen Fuß erwischt, in 2001 werden sie in die Tiefe gerissen, sagte Zielke.

„Besonders krass stellt sich die Situation der Hannoverschen Leben dar, die so gut wie alle ihre stillen Reserven schon im Jahr 2000 verloren hat“, heißt es in der WestLB-Studie. Im Jahr 2001 dürfte die Gesellschaft einen Teil der Rückstellungen für Beitragsrückerstattungen (RfB) verwenden, um eine Überschussbeteiligung über die gesetzlich garantierten 3,25 Prozent oder vier Prozent zu ermöglichen. Die freie RfB ist eine Art Spielmasse eines Lebensversicherers, mit der er Ergebnisse für seine Kunden glätten kann.

Wenn Versicherer aber für die Überschussbeteiligung die RfB verwenden, die als Eigenkapitalersatz gilt, vermindern sie ihre Kraft, für die kapitalintensive Riester-Rente Neugeschäft zu gewinnen. Die Folge: „Die Kleinen werden Probleme haben, Neugeschäft abzuschließen, die Konzentration wird vor allem Allianz, Münchener Rück und AMB Generali helfen“, sagte Zielke.

Nicht börsennotierte Unternehmen hätten eher Schwierigkeiten als gut kapitalisierte Aktiengesellschaften, heißt es in der Studie. Bei den notierten Unternehmen bevorzugt WestLB Panmure die Aktien von Allianz, Münchener Rück, AMB Generali, Aegon und der französische CNP, dagegen setzt sie die W&W sowie die Skandia auf „sell/underperformer“.

Quelle: Financial Times Deutschland


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