Kleine Versicherer mit immer weniger Enthusiasmus dabei

Das Grummeln in der Versicherungsbranche wird hörbar lauter. „Mir wird regelmäßig schlecht, wenn ich in Zeitungen lese, dass Riester angeblich das große Geschäft für die Versicherungsbranche wird“, sagte ein Versicherungsvorstand – um dann sofort hinzuzufügen, dass er mit dieser Aussage „auf keinen Fall“ zitiert werden will. Mit dem Geschäft, das sei blühender Unsinn, bisher habe sein Unternehmen nur hohe Kosten gehabt bei einem ungewissen Ausgang. Die Tatsache, dass jeder Vertrag jährlich an die Einkommenssituation angepasst werden muss, stößt der Branche besonders bitter auf.

Karl Panzer, beim Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) für die Lebensversicherer zuständig, hat schon oft mit Mitgliedern über Sinn und Unsinn der Reform diskutiert. Aber ein Verzicht auf Riester-Produkte sei kaum möglich, so Panzer. „Das verschließt den Marktzugang auch für die anderen Produkte.“

Die Hoffnung, in Koppelung mit Riester andere, rentablere Produkte zu verkaufen, hält viele Versicherer bei der Stange, nicht aber die Aussicht auf Gewinne durch die Rentenreform selbst. Immer noch gilt zwar, dass die Versicherer die großen Gewinner der Riester-Rente sein werden. Die Experten sind sich einig, dass mindestens zwei Drittel des erwarteten Riester-Kuchens von rund 40 Mrd. Euro pro Jahr (ab 2008) in die Kassen der Lebensversicherer wandern. Zum Vergleich: Die gesamte Lebensversicherungsbranche verzeichnete in 2000 Beitragseinnahmen von 117 Mrd. DM oder 60 Mrd. Euro. Aber die Art und Weise, wie die staatlich verordnete Rente eingeführt wird, vergällt vielen Versicherern den Jubel. Wenn es um das konkrete Gesetzespaket geht, dämmert es immer mehr Vorständen kleiner und mittlerer Gesellschaften, dass ihre Unternehmen dabei unter die Räder kommen könnten.

In Deutschland gibt es mehr als 120 Lebensversicherer. Viel zu viele, finden die Großen der Branche wie Marktführer Allianz, der seit Jahren einen Konsolidierungstrend voraussagt. Riester und der schwache Aktienmarkt, der vielen Versicherern das Ergebnis 2001 erheblich vermiesen kann, tragen dazu bei, dass dieser Trend eher früher als später eintritt.

Zunehmend werden kleine Gesellschaften so zur reinen Vertriebsorganisation. Aber auch diese Rolle macht kaum Freude. Die Vertreter sind hohe Abschlussprovisionen gewohnt. Bei Riester-Verträgen ist die Vorfinanzierung durch den Kunden verboten, der Versicherer muss die Provision mindestens über zehn Jahre strecken. Doch kaum ein Außendienst gibt sich damit zufrieden, ohnehin bringen die Riester-Produkte ihm nur kleine Summen. Das heißt: Der Versicherer muss die gesamte Summe aus dem Eigenkapital vorfinanzieren oder einen Rückversicherer finden, der die Vorfinanzierung übernimmt.

Noch bitterer wird die Pille, wenn sich die Befürchtung bewahrheitet, dass die neuen Verträge vor allem „normale“ Verträge ersetzen, die sonst auch verkauft würden. Jährlich bringt die Branche schon jetzt sieben bis zehn Millionen neuer Policen an den Mann und an die Frau.

Schließlich: Bei der Riester-Police hat der Kunde in der Ansparphase weitreichende Wechselmöglichkeiten. Das Risiko der vorzeitigen Vertragsauflösung, das so genannte Storno-Risiko, ist also sehr hoch. Gerade Kunden, die jetzt schon abschließen, können leicht wieder verloren gehen, wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften die entsprechenden Tarifverträge unter Dach und Fach haben. An den betrieblichen Altersvorsorgesystemen verdienen wieder vor allem die großen Versicherer.

Quelle: Financial Times Deutschland


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