US-Politik diskutiert Terrorversicherung

Von Herbert Fromme, Köln, und Adrian Michaels, New York Noch in dieser Woche wollen die US-Senatoren Phil Gramm, ein Republikaner, und sein Kollege Chris Dodd von den Demokraten ein Gesetz einbringen, nach dem die Regierung hohe Terrorismusschäden trägt. Der Entwurf sieht vor, dass die Versicherer künftig alle Schäden bis 10 Mrd. $ aus einem terroristischen Angriff zahlen sowie zwischen 10 und 20 Prozent der darüber hinaus gehenden Summe. Der Rest fällt auf die Regierung.

Ob der Vorschlag Gesetz wird, ist unsicher. Denn im Repräsentantenhaus setzen sich führende Abgeordnete für ein kurzfristiges Überbrückungsprogramm auf der Basis von Regierungsgarantien ein, bis im nächsten Jahr eine dauerhafte Lösung gefunden wird. Präsident George W. Bush ist auch für eine kurzfristige Regierungszusage, die auf drei Jahre begrenzt ist und sich bis auf 100 Mrd. $ beläuft.

Bei allen Vorschlägen geht es nicht um den Schaden aus dem Terrorangriff vom 11. September, den die Branche auf 30 bis 70 Mrd. $ schätzt, sondern um künftige Schäden aus vergleichbaren Überfällen.

US-Politiker und Versicherer gehen davon aus, dass eine Regierungsbeteiligung unumgänglich sein wird. Das ist in Deutschland ähnlich. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft will in den nächsten Wochen Verhandlungen mit der Berliner Regierung aufnehmen. Eine Arbeitsgruppe aus drei Rück-und drei Erstversicherern bereitet einen Vorschlag vor.

Inzwischen ziehen sich Versicherer und Rückversicherer weltweit aus der Deckung von Terrorschäden zurück. Neue Policen für Groß-und Industrierisiken enthalten in der Regel Ausschlussklauseln. Das heißt, Unternehmen oder Gebäudebesitzer hätten keinen Anspruch auf Entschädigung, wenn Terroristen Anlagen zerstören und den Betrieb unterbrechen. Das könnte schnell dramatische Folgen haben, denn viele Banken haben Darlehen und Hypotheken nur unter der Bedingung gegeben, dass vollständiger Versicherungsschutz besteht, und könnten sich gezwungen sehen, die Darlehen fällig zu stellen.

Die Folgen des Terroranschlags für individuelle Versicherer werden in den nächsten Wochen noch deutlicher werden, weil US-Versicherer ihre Zahlen für das dritte Quartal bei den Aufsichtsbehörden vorlegen müssen. Die American International Group (AIG), nach Marktkapitalisierung der größte Versicherer der Welt, hat bereits einen Gewinneinbruch von 81 Prozent auf 12 Cent pro Aktie bekannt gegeben. Der Anschlag kostet AIG 820 Mio. $, teilte das Unternehmen mit, nur leicht über der bisherigen AIG-Schätzung.

Versicherer und Rückversicherer werden mit ihren Schadenschätzungen zunehmend vage. Münchener-Rück-Vorstand Wolf Otto Bauer sagte dem „Tagesspiegel“, auch sein Unternehmen könnte eventuell einen höheren Schaden als die gemeldeten 2,1 Mrd. Euro erleiden, die Belastung könnte aber auch darunter liegen.

Die Gründe für die Unsicherheit: Noch immer ist unklar, welche Rückversicherer in der Kette der Deckungen das Desaster überleben – ob also die von den Versicherern gekauften Schutzdeckungen wirklich greifen.

Außerdem hängt das Ausmaß der versicherten Schäden ganz wesentlich von Betriebsunterbrechungs-und Haftpflichtdeckungen ab. Wer wem haftet ist aber höchst unklar und sehr wahrscheinlich Gegenstand zahlloser Prozesse, die mit Sicherheit Jahre dauern werden.

Auch in der Gebäudeversicherung selbst, die der Pächter des World Trade Centers, Larry Silverstein, abgeschlossen hat, gibt es Unsicherheiten. Eine wichtige Frage ist, ob es sich um einen oder zwei Schäden handelt.

Der Rückversicherer Swiss Re will gerade gerichtlich feststellen lassen, dass ein einziger Schaden vorliegt und Silverstein nur Anrecht auf eine Zahlung der Versicherungssumme von 3,56 Mrd. $ hat. Silverstein argumentiert, es handele sich um zwei Schäden, die Summe sei zweimal fällig. Die Swiss Re muss 22 Prozent des Gebäudeschadens zahlen. Nach Informationen der Financial Times argumentieren Silversteins Anwälte mit einem Fall aus den 50er Jahren (Arthur Johnson Co. gegen Indemnity Insurance), bei dem durch ein Unwetter Wände in verschiedenen Gebäuden einstürzten. Das Gericht entschied damals, nicht der Regen sei die Katastrophe gewesen, sondern der Einsturz der Wände.

Weite Spanne

Die Beraterfirma Tillinghast Towers Perrin schätzt den Haftpflichtschaden auf fünf bis 20 Mrd. $.

Airlines

Sie haften grundsätzlich für alle Schäden, die mit ihren Flugzeugen angerichtet werden.

Andere

Aber auch andere können nach Ansicht findiger Anwälte belangt werden: Die Flugschulen der Terroristen, die Sicherheitsfirmen an den Flughäfen, die Gebäudeverwaltung, die nach dem Einschlag des ersten Flugzeugs den zweiten Turm für „sicher“ erklärte.

Quelle: Financial Times Deutschland


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