Versicherer haben massiv Aktien verkauft

Die Versicherungswirtschaft hat in den vergangenen zwei Wochen massiv Aktien verkauft, um sonst nötige Abschreibungen zu verhindern, trat aber am Freitag teilweise wieder als Käufer auf. Das sagte Karl Panzer, Chef der Abteilung Lebensversicherung des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Eine Gruppe von Versicherern hat für 3Mrd.DM Aktien verkauft“, sagte Panzer bei einem Pressegespräch des GDV. Einzelheiten wollte er nicht nennen. „Am Freitag haben einige Versicherer dann wieder gekauft, der Kursanstieg hing damit zusammen.“

Der GDV sei zuversichtlich, dass die Bundesregierung die von der Branche dringend gewünschte Änderung der Bilanzierungsregeln vornimmt, sagte Panzer. „Wir werden noch in dieser Woche weitere Gespräche führen.“ Die Bundesregierung wolle schließlich verhindern, dass riesige Aktienpakete auf den Markt kommen.

Die Versicherungsbranche verlangt vom Finanz-und Justizministerium eine rasche Änderung der Bilanzierungsvorschriften des Handelsgesetzbuches. Für die Assekuranz bestehen Sondervorschriften, nach denen Versicherer Kursverluste auf Aktien sofort abschreiben müssen, wenn die Kurse unter den Einstandswert fallen. Weil das steuerliche Nachteile bringe, sei man zum Aktienverkauf gezwungen, sagten die GDV-Sprecher.

„Wir bei Gerling wollen unsere Aktienquote halten, unabhängig davon, was die Regierung macht“, sagte Norbert Heinen, Vorsitzender des Fachausschusses Lebensversicherung im GDV und Vorstandsmitglied der Gerling Lebensversicherung. „Trotzdem werden wir verkaufen und dann zurückkaufen, wenn es keine Gesetzesänderung gibt“, fügte er hinzu. Die steuerlichen Nachteile seien sonst einfach zu groß. Seine Wurzeln habe das Missverhältnis in der vom damaligen Finanzminister Oskar Lafontaine 1999 durchgesetzten Steuerreform.

Die fallenden Aktienkurse werden auch die Kunden der Lebensversicherer Geld kosten. Heinen rechnet künftig mit Gewinnbeteiligungen von sechs bis sieben Prozent für sie, statt wie bisher sieben bis acht Prozent. „Es ist richtig, dass die Unternehmen reagieren und nach den Überzeichnungen der vergangenen Jahre die Gewinnerwartungen auf das zurückführen, was langfristig machbar ist.“ Gerling werde schon in der nächsten Woche bei den Voraussagen für Kunden niedrigere Werte ansetzen.

Bei einigen Lebensversicherern hat die Börsenflaute inzwischen zur vollständigen Vernichtung der Bewertungsreserven geführt, also der Differenz zwischen Marktwert und Anschaffungswert von Anlagen. „Es gibt Unternehmen, die im Minusbereich sind. Die müssen sich überlegen, wie sie die Bilanz trotzdem gut hinkriegen“, sagte Panzer.

Trotz ihrer momentanen Probleme an den Aktienmärkten wandten sich die GDV-Vertreter gestern gegen in ihren Augen restriktive und bürokratische Pläne des Finanzministeriums für die Kapitalanlagen der ab 1. Januar 2002 zugelassenen Pensionsfonds. Das Finanzministerium sieht vor, den Pensionsfonds in der Ansparphase eine Aktienquote bis zu 75 Prozent der Gesamtanlagen und in der Rentenbezugsphase bis zu 35 Prozent zu gestatten. Statt quantitativer Regelungen sollten qualitative Regelungen greifen, sagte Heinen. Pensionsfonds sollten sich regelmäßig einem so genannten Stresstest unterziehen, bei dem eine ungünstige Entwicklung der Kapitalmärkte simuliert wird. „Von diesem Test sollte das Maß ihrer Anlage in Risikoanlagen abhängen“, sagte Heinen.

Die jetzigen Vorschläge des Ministeriums könnten die Pensionsfonds als Ersatz für die bisherigen arbeitgeberfinanzierten Betriebsrentensysteme sogar völlig indiskutabel machen. „Nach dem jetzigen Entwurf muss das Kapital für die Rentenbezieher in einem separaten Topf verwaltet werden“, sagte Heinen. Daraus dürften dann nur die Rentner etwas erhalten. „Selbst wenn mehr erwirtschaftet wird, als den Betriebsrentnern zugesagt wurde, muss ihnen das in den Rachen geworfen werden, statt die Beiträge für die aktive Belegschaft zu senken“, sagte Heinen. Das werde kein Arbeitgeber mitmachen, wenn er die Beiträge für die betriebliche Altersvorsorge zahle. Der Entwurf sei ein „bürokratischer Moloch“.

Quelle: Financial Times Deutschland


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