Große Speditionen im Versicherungsnotstand

Von Herbert Fromme, Köln Das deutsche Transportgewerbe hat Ärger mit seinen Versicherern. Vor allem große, international tätige Spediteure haben es schwer, die nötigen Deckungen zu finden. Die Transportunternehmen sind gesetzlich gehalten, Verkehrshaftungspolicen abzuschließen. Die etablierten Versicherer verlangen Preiserhöhungen von 30 bis 60 Prozent. Das finden die Transportunternehmen gerade in der gegenwärtigen Flaute im Welthandel und den zurückgehenden Volumen schwer zu schlucken.

Die Versicherer sind der Ansicht, dass die Preiserhöhungen mehr als geboten sind. „Der deutsche Markt wird 2001 einen technischen Verlust von 400 bis 500 Mio. DM einfahren“, verteidigt Franz Rudolf Golling die drastischen Maßnahmen. Er ist Vorsitzender des Fachausschusses Transport im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). „Wir haben einen Korrekturbedarf bei den Preisen von mehr als 30 Prozent“, sagte Golling, der auch Vorstandsmitglied der W&W-Konzerngesellschaft Wüba in Heilbronn ist.

Die Transportversicherung gehörte in den vergangenen Jahren zu den umkämpftesten Bereichen der Industrieversicherung. Die größten Anbieter sind Allianz, Axa und Gerling. Mit 3,2 Mrd. DM Prämie im Jahr ist sie eine der wichtigsten Industrieversicherungssparten – und produziert auch einen erheblichen Teil des dort insgesamt anfallenden Verlustes. Versichert werden vor allem Waren während des Transports, aber auch die Spediteurshaftung, Schiffe, Werttransporte und Reisegepäck.

„Die Transportversicherer stehen mit dem Rücken zur Wand“, sagte Golling. „Der Sanierungswille ist jetzt vorhanden. Wir haben tatsächlich eine sehr ernste Situation.“

Zwar sei die Transportversicherung nicht so stark Terrorismus-exponiert wie die Sach-und Haftpflichtdeckungen, und schon vor dem 11. September sei das Geschäft stark defizitär gewesen. „Aber die Ereignisse von New York und Washington verstärken den Druck noch, endlich etwas zu tun.“

Golling kündigte an, dass die Branche über eine Änderung der Versicherungsbedingungen nachdenkt, um dem erhöhten Terrorismusrisiko gerecht zu werden. „Bisher werden Kriegsrisiken und Terrorismus von den Transportversicherern unterschiedlich behandelt“, sagte er. Als Standard seien Kriegsrisiken nur versichert, wenn sich die Güter zum Schadenzeitpunkt in einem Schiff befänden, andere Kriegsschäden – an Land und in der Luft – seien ausgeschlossen und müssten separat abgedeckt werden. „Terrorismusschäden dagegen fallen unter politische Risiken wie Streik und Aufruhr und sind in der Regel eingeschlossen.“ Künftig will die Branche Krieg und Terrorismus gleich behandeln.

Außerdem müsse die Assekuranz über die Versicherung großer Lagerbestände im Rahmen von Transportpolicen nachdenken. „Das wird wegen des Terrorrisikos künftig nicht mehr so einfach integrierbar sein.“

Zitat:

„Die Transportversicherer stehen mit dem Rücken zur Wand“ – Franz Rudolf Golling.

Quelle: Financial Times Deutschland


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