Hapag-Lloyd umfährt die Schifffahrtskrise

Von Herbert Fromme, Hamburg Bernd Wrede verabschiedet sich mit einem Rekordergebnis. Mitten in einer heftigen Krise der Welt-Containerschifffahrt legt der scheidende Chef von Hapag-Lloyd Zahlen vor, die von Konkurrenz weltweit mit heftigem Neid betrachtet werden. Trotz Stagnation des Welthandels und kräftigem Druck auf den Preisen für Transportleistungen steigerte Hapag-Lloyd in den ersten drei Quartalen den Gewinn nach Abschreibung und Zinsen von 211 Mio. Euro auf 250 Mio. Euro und den Umsatz um sechs Prozent auf 3 Mrd. Euro. Für das volle Jahr sollen es zehn Prozent mehr und damit über 270 Mio. Euro Gewinn sein – „das beste Ergebnis in der 155-jährigen Unternehmensgeschichte“, sagte Wrede drei Wochen, bevor er das Unternehmen nach 20 Jahren verlässt. Zwischen ihm und Michael Frenzel, Chef der Hapag-Lloyd-Mutter Preussag, hat die Chemie nicht gestimmt.

„So genannte Experten“ würden ein Schreckensszenario über die Schifffahrt verbreiten. „Das können wir in der Tendenz nachvollziehen, nicht aber im Ausmaß“, sagte Wrede. Hapag-Lloyd schreibe auch im vierten Quartal 2001, das stark durch die Terroranschläge des 11. September beeinflusst war, schwarze Zahlen.

Immun gegen den negativen Trend ist auch Hapag-Lloyd nicht: Der Gewinn wird 2002 niedriger ausfallen als in diesem Jahr, gestand Wrede zu. Er hofft darauf, dass sich der Trend schon Mitte 2002 wieder wendet.

Ein Grund für die unterschiedliche Wahrnehmung der Krise bei Hapag-Lloyd und anderen deutschen Reedern liegt in ihren unterschiedlichen Rollen im Transportgeschäft. „Viele Reeder leben vom Vermieten von Schiffen“, sagte Vorstandsmitglied Günther Casjens. „Die sind natürlich vom starken Verfall der Charterraten betroffen. Uns nutzt das eigentlich eher, weil wir zusätzlich zu eigenen Schiffen auch Schiffe einchartern.“ Aber auch Hapag-Lloyd muss Rückgänge bei den Preisen für Transportleistungen hinnehmen – im vierten Quartal 2001 lagen die Raten um durchschnittlich zehn Prozent unter denen des Vergleichszeitraums.

Hapag-Lloyd Container Linie steigerte in den ersten drei Quartalen den Umsatz von 1,5 Mrd. Euro auf 1,7 Mrd. Euro. Der Gewinn vor Steuern stieg von 135 Mio. Euro auf 159 Mio. Euro. Die rund 30 Schiffe beförderten zwischen Januar und September ein Volumen von 1,2 Millionen Standardcontainern. Das waren acht Prozent mehr. „Wir sind erneut schneller als der Markt gewachsen, der mit einer Steigerung von lediglich ein bis zwei Prozent die Schwäche im Welthandel widerspiegelt“, sagte Wrede.

„Wir haben die Steigerung mit nahezu unveränderter Personalstärke geschafft“, fügte er stolz hinzu. Kern der Produktivitätssteigerung sei die konsequente Nutzung der weltweiten EDV-Struktur. Für die Container-Linie ist die Disposition der 350 000 Stahlkisten von entscheidender Bedeutung – also den richtigen Container beim richtigen Kunden zum exakt richtigen Zeitpunkt zu transportieren.

Stärker betroffen von den Folgen des Terrors als die Containerschifffahrt waren Hapag-Lloyds Kreuzfahrtschiffe (die Flugzeugflotte trägt zwar noch den Namen, wird aber von der Mutter Preussag betrieben). In den ersten drei Quartalen erzielten die drei Schiffe „Europa“, „Columbus“ und „Bremen“ zwar einen unveränderten Gewinn von 4 Mio. Euro bei leichtem Umsatzrückgang von 135 Mio. Euro auf 125 Mio. Euro, aber er könnte durch viele Stornierungen im vierten Quartal aufgezehrt werden. Inzwischen sei die Stornierungswelle abgeebbt. „Die Zielgebiete sind kriegsentscheidend“, sagte der Hapag-Lloyd-Chef. So werde sein Unternehmen die Schiffe nicht, wie geplant, durch den Suez-Kanal schicken.

Die Tochtergesellschaft VTG Lehnkering, die Speziallogistik vor allem für die Chemieindustrie anbietet, legte beim Gewinn moderat um etwa 1 Mio. Euro auf 22 Mio. Euro zu, der Umsatz hingegen fiel auf Grund des Verkaufs von Nebenaktivitäten von 750 Mio. Euro auf 715 Mio. Euro.

Selbstbewusst

Der Vertrag des 58-jährigen Hapag-Lloyd-Chefs Bernd Wrede läuft Ende Dezember aus, Mehrheitsaktionär Preussag hat ihn nicht verlängert. Nachfolger wird Vorstandsmitglied Michael Behrendt.

Quelle: Financial Times Deutschland


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