Ruhrgas braucht die Finanzkraft von Eon

Von Katrin Berkenkopf, Essen Burckhard Bergmann, Vorstandsvorsitzender der Essener Ruhrgas, sieht die geplante Mehrheitsübernahme durch Eon gelassen. „Das ist nichts, wovor wir uns fürchten müssen“, sagte Bergmann am Montag in Essen. „Im Gegenteil, das eröffnet uns neue Chancen.“ Ruhrgas ist der mit Abstand größte deutsche Erdgas-Importeur und Großhändler.

Eon, größter deutscher Stromkonzern, kontrolliert nach Abschluss der laufenden Transaktionen rund 34,8 Prozent der Ruhrgas-Anteile und strebt eine Mehrheit von zunächst rund 60 Prozent an. Diese will sich Eon mit dem Ruhrgas-Anteil des Essener Kohlekonzerns RAG sichern, über den die Unternehmen derzeit verhandeln. Das Bundeskartellamt allerdings lehnt eine Eon-Mehrheit bei Ruhrgas in der jetzt geplanten und angemeldeten Form ab. Die Wettbewerbshüter fürchten eine marktbeherrschende Stellung von Eon und Ruhrgas.

Das Amt verlängerte gestern die Prüffrist für die geplante Übernahme des Ruhrgas-Aktionärs Gelsenberg durch Eon um fünf Wochen. Auf Antrag von Eon und BP endet die Frist für den Deal nun erst am 21. Januar statt bereits am 17. Dezember. Die Beteiligten haben nun Zeit, den Aufsehern Kompromissvorschläge zu unterbreiten. Gelsenberg, eine Tochter des Energiemultis BP, hält 25,5 Prozent der Ruhrgas-Anteile. BP übernimmt von Eon im Gegenzug deren Mineralöltochter Veba Oel und die Tankstellenkette Aral.

Ohne Unterstützung durch Eon könnte Ruhrgas bei der weiteren Expansion, vor allem im Ausland, schnell an die Grenzen seiner finanziellen Möglichkeiten gelangen. „Dann würde eine kräftige Kapitalerhöhung erforderlich“, sagte Ruhrgas-Chef Bergmann. Ein Problem, da die Auslandsmärkte für Ruhrgas wichtig sind: Denn in Deutschland erschwert der zunehmende Wettbewerb auf dem Gasmarkt, zum Beispiel durch Wingas oder RWE Gas, das weitere Wachstum. Große Zuwächse kann Ruhrgas deshalb nur durch mehr Absatz im Ausland realisieren. Bei einem Anteil von rund 60 Prozent am Erdgasmarkt liefert Ruhrgas 12 bis 13 Prozent des deutschen Primärenergie-Verbrauchs. Im vergangenen Jahr erzielte Ruhrgas einen Umsatz von rund 5,4 Mrd. Euro.

Der deutsche Gaslieferant hat bereits in Großbritannien – einem der Hauptproduzenten von Nordseegas – mit einem ersten Industriekunden Lieferverträge über 400 Millionen Kilowattstunden zunächst über ein Jahr abgeschlossen. Derzeit bewirbt sich Ruhrgas in einem Konsortium bei der Privatisierung verschiedener Gasversorger in Osteuropa.

„Die Eon-Strategie scheint mir verständlich und überzeugend“, lobte der Ruhrgas-Chef, der sein Amt im Juni antrat. Beide Unternehmen verfolgten den Ansatz der „vertikalen Integration“ durch Beteiligungen an regionalen und lokalen Versorgern. Genau dies hatte das Bundeskartellamt aber vergangene Woche kritisiert: Ruhrgas könne seine marktbeherrschende Stellung durch bevorzugte Lieferung an Eon-Töchter weiter ausbauen, sagte Kartellamtspräsident Ulf Böge.

Bergmann wollte sich nicht dazu äußern, ob auch Ruhrgas im Falle einer Übernahme durch Eon Beteiligungen abgeben müsse. Für solche Spekulationen sei es zu früh. Er sei überzeugt, dass Ruhrgas eigenständig bleiben werde. „Der Produkt-Name ist dabei nicht entscheidend.“ Auch zum Zeitrahmen einer möglichen Eon-Übernahme wollte Bergmann nichts sagen. Es sei aber wahrscheinlich, dass sich der Düsseldorfer Konzern am Ende durchsetzen werde.

Der Ruhrgas-Chef bedauerte den Rückzug des bankrotten US-Energiehändlers Enron aus Deutschland. „Bis zu einem gewissen Grade werde ich Enron vermissen. Sie waren kreativ und niemals unfair“, so Bergmann. „Aber ihr Verschwinden wirkt endlich dem Eindruck entgegen, dass Händler allein auf dem deutschen Gasmarkt alles regeln können.“ Bergmann sagte, nur langfristige Bezugsverträge mit den wenigen Produzenten könnten die Erdgasversorgung in Europa sicherstellen.

Auf den eigenen Erdgashandel werde das Verschwinden von Enron keinen Einfluss haben, sagte Bergmann. Zurzeit mache das Geschäft mit kurzfristigen Handelskontrakten nur rund fünf Prozent des verkauften Gasvolumens aus.

Zitat:

„Die Eon-Strategie scheint mir verständlich und überzeugend“ – Burckhard Bergmann, Ruhrgas-Chef

Quelle: Financial Times Deutschland


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