Versicherer unglücklich über neue Bilanzregeln

Von Herbert Fromme, Köln Mit großem Unbehagen verfolgen die Versicherer die Vorschläge zur Änderung der Rechnungslegung von Finanzdienstleistern, die das International Accounting Standards Board diskutiert. Sie könnten zu massiven Wettbewerbsverzerrungen zu Ungunsten der Versicherer bei ihrer Kapitalbeschaffung führen, sagte Allianz-Vorstand Helmut Perlet auf einer Fachtagung der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG. Unternehmen aus verschiedenen Branchen seien dann kaum noch vergleichbar, weil nur Finanzinstrumente grundsätzlich zum Zeitwert bilanziert werden müssten. „Die Versicherer sollen bei jeder Police die Gewinnerwartung verbuchen, auch bei Lebensversicherungen über 30 Jahre“, sagte Perlet. Alle Wertschwankungen der Kapitalanlagen müssten gezeigt werden. Ein Industriekonzern dagegen müsse seine Gewinnerwartung für neue Aufträge nicht in der Bilanz darstellen. „Anleger wollen nicht nur Allianz und Axa vergleichen, sondern auch Allianz und Siemens“, sagte er.

Für Versicherer entstehe eine abschreckende „künstliche Volatilität“.

Die meisten deutschen Versicherer stellen ihre Bilanzen nach wie vor nach dem Handelsgesetzbuch auf, das vergleichsweise wenig Transparenz bietet. Daneben gibt es die US-Norm Generally Accepted Accounting Principles (US-GAAP) sowie die International Accounting Standards (IAS). Beide sind viel stärker auf die Information von Investoren ausgerichtet. Konzerne wie Allianz, Münchener Rück oder Gerling bilanzieren schon nach IAS – obwohl es noch keinen speziellen Standard für Versicherer gibt. Sie behelfen sich mit den entsprechenden Vorschriften des US-GAAP. Ab 2005 sollen börsennotierte Unternehmen in Europa verbindlich nach IAS abrechnen, schon 2003 der Standard für Versicherer vorliegen.

Grundgedanke der bisherigen Vorschläge: Unternehmen sollen alle Finanzgeschäfte zu ihrem Zeitwert („Fair Value“) buchen, stille Reserven oder stille Lasten entfallen. Anders als unter US-GAAP werden alle Wertzuwächse oder – rückgänge voll in der Gewinn-und Verlustrechnung – und nicht nur der Bilanz – gezeigt. „Die Allianz hat 120 Mrd. Euro in Aktien angelegt. Wenn deren Wert um 20 Prozent schwankt, sind das 24 Mrd. Euro in die eine oder andere Richtung.“ Solche Schwankungen müssten dann am Jahresende als Gewinn oder Verlust gezeigt werden. „Unser eigentlicher Gewinn beträgt 5 Mrd. Euro“, sagte Perlet. Es sei fraglich, ob ein Investor Ergebnisschwankungen von mehr als 20 Mrd. Euro verstehe.

Perlet sagte, die deutschen Versicherer könnten ohne die bisher zu bildenden Schwankungsrückstellungen leben. Sie schaffen einen Puffer für Jahre mit hohem Schadenanfall. Die Branche müsse aber auch unter neuen Rechnungslegungsregeln auf Großschadenrückstellungen bestehen. Das sei gerade nach dem 11. September sehr deutlich geworden, sagte Perlet.

Zitat:

„Anleger wollen auch Allianz und Siemens vergleichen“ – Allianz-Vorstand Perlet.

Quelle: Financial Times Deutschland


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