Erzwungenes Kaffeekränzchen

Die Brüder Michael und Günter Herz sind Machthaber über die Tchibo-Holding – und seit Jahren zerstritten. Nun sind sie gezwungen, sich zerknirscht wieder zusammenzuraufen – weil sonst ihr Imperium zerfällt

Von Sven Clausen, München, und Herbert Fromme, Köln An dem großen Tag hatte Ingeburg Herz Tränen in den Augen. Und niemand der anwesenden Aufsichtsratsmitglieder konnte das der alten Dame verdenken: Soeben hatte sie in der Zentrale des Tchibo-Konzerns am Hamburger Überseering ein Bild ihres Mannes Max enthüllt – mehr als 36 Jahre nach dessen Tod. „Und deinen anderen Herzenswunsch“, versprach Sohn Michael ihr an diesem Tag im November im kleinen Kreis, „den werden wir auch erfüllen.“

Seit Jahren fliegen zwischen den Brüdern Günter und Michael Herz die Fetzen – mit hohem Unterhaltungswert für die deutsche High Society. Nichts ersehnt sich ihre Mutter mehr, als dass sie zusammenfinden.

Auf dem Spiel steht mehr als der Familienfrieden. Günter und Michael Herz streiten um die Zukunft des Tchibo-Imperiums, welches sie von ihrem Vater erbten. Zur Tchibo-Holding gehören die Kaffeemarken Tchibo und Eduscho, der Zigarettenhersteller Reemtsma (West, R 1) sowie 30 Prozent des Hamburger Kosmetikkonzerns Beiersdorf (Nivea, Labello).

Nun stehen die Chancen nicht schlecht, dass sich die beiden hanseatischen Dickköpfe tatsächlich zusammenraufen: Denn sollten sie keine Einigung erzielen, verspielen sie in den kommenden Monaten ihr Vermögen.

Dringende Aufgaben

Es gilt, die Geschäfte neu zu ordnen. Der Zigarettenhersteller Reemtsma ist zu klein, um international alleine zu bestehen: „Die drohenden Werbeverbote machen es zusehends schwieriger, neue Märkte über Marketing zu erschließen“, wusste schon vor Jahren Günter Herz.

Gleichzeitig hat Beiersdorfs Hauptaktionär, die Allianz, signalisiert, ihren Anteil von 43,6 Prozent verkaufen zu wollen. Interessenten gibt es viele. Vorstandschef Rolf Kunisch hat den Umsatz von 2,6 Mrd. Euro bei seinem Amtsantritt 1994 auf 4,1 Mrd. Euro im Jahr 2000 getrieben – Beiersdorf gilt als Perle.

Logischer erster Kaufkandidat: Tchibo. Schließlich kennt man sich in den Unternehmen bereits seit Jahrzehnten: Allianz ist seit 1938 Beiersdorf-Aktionär, Tchibo seit 1973. Die Hamburger Kaffeeröster haben bereits ihr starkes Interesse in München angemeldet. Dennoch scheut die Allianz einen Verkauf an Tchibo – und wird dabei vom Beiersdorf-Management unterstützt. In Versicherungskreisen heißt es, die Allianz würde bei einem Verkauf sichergehen wollen, dass Beiersdorf eine stabile Aktionärsstruktur bekommt. Die Herz-Familie sei aber total zerstritten: „Da will die Allianz natürlich verhindern, dass sich diese Zerstrittenheit in den Vorstand von Beiersdorf fortsetzt.“ Mögliche Folge: Der Clan wird beim Hamburger Kosmetikkonzern ausgebootet: „Günter und Michael Herz wissen, dass sie etwas tun müssen“, heißt es im Umkreis der Familie.

Doch die Umstände sind reichlich verzwickt. Ende 2000 hatte Michael Herz mit Hilfe seiner Brüder Joachim und Wolfgang seinen ältesten Bruder Günter von seinem Chefposten verdrängt – nach 35 Jahren an der Spitze.

Michael, damals 57, und Günter, damals 60 Jahre alt, hatten sich praktisch seit dem Tod des Vaters um die Führung gebalgt. Max Herz soll sich in seinem Testament nicht festgelegt haben. Günter gewann die Oberhand und führte das Unternehmen bis zu einem Rekordumsatz von 5,4 Mrd. Euro und einem Gewinn von 392 Mio. Euro im Jahr 2000. Doch all die Jahre waren von gegenseitigen Kränkungen geprägt – die im zerknirschten Abtritt von Günter Herz gipfelten.

Ein Nachfolger aus der Familie stand nicht bereit – und hätte wohl auch nicht weiterhelfen können. Nur ein familienfremder Manager, so das Kalkül von Michael, könne die ständigen Hahnenkämpfe verhindern.

Unterdessen eskalierte der Streit. Den drei Brüdern Michael, Joachim und Wolfgang mit einem Holding-Anteil von 50,5 Prozent auf der einen Seite standen mit einem gemeinsamen Anteil von 39,6 Prozent Günter, seine Schwester Daniela und Otto Gellert, Wirtschaftsprüfer und ein langjähriger Vertrauter und Helfer bei Unternehmenskäufen, unversöhnlich gegenüber. Dazwischen, zunehmend ratlos, Mutter Ingeburg mit einem Anteil von 9,9 Prozent.

Schwierige Verhandlungen

Nach scharfen Wortwechseln auf dem Familientreffen zur Hauptversammlung 2001 konnte man sich nur zu einigen dürren Zeilen durchringen: „Die Hauptversammlung der Tchibo Holding AG vom 25. Januar war von dem gemeinsamen Willen geprägt, die anstehenden Entscheidungen einvernehmlich zu lösen.“

Nichts als fromme Wünsche: Günter attackiert seinen Bruder weiter hartnäckig. „Der ist halt Vollblutunternehmer und meint, er könnte es immer noch am besten. Der hat die Abnabelung noch nicht geschafft“, sagt einer, der lange mit Günter Herz zusammengearbeitet hat. Ein neuer Vorstandschef ist nicht in Sicht. „Wer will schon einem Konzern vorstehen, dessen Hauptaktionäre so zerstritten sind“, sagt jemand, der mit der Chefsuche vertraut ist.

Stattdessen führt der 66-jährige Ludger Staby die Geschäfte. Ursprünglich sollte er nur bis Ende vorigen Jahres den Laden leiten. Aufsichtsratschef Jens Odewald konnte allerdings bis zuletzt keinen Kandidaten finden, der beiden Brüder genehm gewesen wäre. Bis zum 30. Juni 2002 muss Staby deshalb weitermachen. Aber länger, so hat er sich bereits festgelegt, wolle er auf keinen Fall.

Deshalb setzen sich die Brüder notgedrungen zumindest wieder an einen Tisch. Allerdings nur mit Moderator: Mit dem Steuerexperten und Wirtschaftsanwalt Reinhard Pöllath können beide Seiten leben. Der Oberfranke wickelt mit seiner Kanzlei Pöllath + Partner in München Unternehmenskäufe und – verkäufe ab. Er versucht seit Monaten, den beiden Entscheidungen abzuringen. „Das Verhältnis der Brüder hat sich dadurch deutlich entemotionalisiert“, heißt es aus dem Umfeld der Gespräche. Erster Erfolg: Der Verkauf, zumindest in Teilen, von Reemtsma gilt als beschlossen.

Das war es dann aber auch schon. Zwar arbeitet Tchibo bereits seit vorigem Spätsommer an der Veräußerung der Zigarettentochter. Wie genau die aussehen soll, weiß aber keiner: „Staby sagt intern immer das Gleiche: Alle Optionen sind offen“, lamentiert ein Insider. Als aussichtsreiche Kandidaten gelten Imperial, Gallaher und JTI (Camel). Der französisch-spanische Bewerber Altadis (Gauloises) ist dagegen so gut wie aus dem Rennen. Komplettverkauf, Teilverkauf, Fusion mit Minderheitsbeteiligung – bei Tchibo gibt es dazu noch immer keine feste Meinung. Sicher ist nur: Bis Ende März 2002 soll das Geschäft abgeschlossen sein.

Eigentlich ein freudiges Ereignis: Analysten der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein schätzten vor rund einem Jahr den Wert von Reemtsma auf 6,75 Mrd. Euro. Doch der Geldsegen stürzt die Herz-Brüder und Staby nur in ein neues Zerwürfnis: Was damit anfangen?

Als Königsweg gilt die Machtübernahme bei Beiersdorf. Doch dazu müsste aus dem Waffenstillstand zwischen den Herz-Brüdern ein richtiger Frieden werden. Hauptaktionär Allianz und Beiersdorf-Management sind sich einig, die Macht nicht an die Familie zu geben, solange die sich bekriegt. „Die Herz-Familie muss aufpassen, dass sie die Rechnung nicht ohne den Wirt macht. Und der heißt in diesem Fall Allianz“, sagt jemand, der beide Seiten gut kennt.

Das dürfte dem Herz-Clan spätestens seit Ende vorigen Monats überdeutlich geworden sein. Beiersdorf-Finanzvorstand Rolf-Dieter Schwalb hatte verfügt, dass der unternehmensnahe Troma-Fonds seine Beiersdorf-Anteile komplett an die Allianz verkauft: immerhin 4,9 Prozent. Die Herz-Familie hat das als einen Affront aufgefasst. „Den Verkauf des Pakets der Troma kann man auch als Warnschuss von Beiersdorf auffassen: Die Herz-Brüder sollen jetzt endlich mal zu Potte kommen und sich einigen, was sie vorhaben. Sonst sind sie aus dem Rennen“, heißt es in Versicherungskreisen.

Drohendes Desaster

Dass die Zukunft der Tchibo-Holding aber noch immer ungewiss ist, wurde nach der Bekanntmachung des Troma-Verkaufs deutlich: Nachdem Beiersdorf-Finanzchef Schwalb mitgeteilt hatte, sein Konzern sei grundsätzlich offen für eine Übernahme, schossen die Gerüchte ins Kraut: Mal sollten sich die Brüder auf die Teilung des Konzerns geeinigt haben, mal ihren Beiersdorf-Anteil statt des Reemtsma-Anteils verkaufen, dann war gar von einer langfristigen strategischen Offensive der Hamburger im Zigarettengeschäft zu hören.

Wahr ist wohl: Die Brüder wissen es nicht. „Das starke Lancieren von Gerüchten lässt darauf schließen, dass es noch unterschiedliche Meinungen zur künftigen Struktur gibt. Da hat jemand Testballons fliegen lassen, um die Marktreaktion zu testen“, sagt ein Frankfurter Banker.

Der Bruch der Brüder droht also weiterhin. Und damit ein Desaster: Schlimmstenfalls würde die Herz-Familie die Reemtsma-Anteile verkaufen – ohne die Beiersdorf-Beteiligung ausbauen zu können. Statt die Macht beim Kosmetikhersteller zu übernehmen, müssten sich die entzweiten Brüder mit einem neuen Hauptanteilseigner herumschlagen – und sich wohl auf kurz oder lang von ihm ausbezahlen lassen. Übrig bliebe die Tchibo-Holding als Koma-Konzern: Viel totes Kapital – wenig Geschäft.

Branchenkenner gehen davon aus, dass die Allianz es zur Voraussetzung für einen Verkauf ihrer Anteile an den Tchibo-Konzern machen würde, dass die Brüder sich vom Tagesgeschäft bei Beiersdorf fern hielten.

Günter Herz jedenfalls dürfte nicht so leicht vom Ruhestand zu überzeugen sein. Am feinen Hamburger Jungfernstieg betreibt er die Firma Mayfair. Und seine Berufsbezeichnung lässt noch einiges erwarten: Er besteht auf „Unternehmer“.

Zitat:

„Günter und Michael Herz wissen, dass sie etwas tun müssen“ – Ein Kenner der Familie.

Quelle: Financial Times Deutschland


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