Gerling steht komplett zum Verkauf

Von Herbert Fromme, Köln Die angeschlagene Versicherungsgruppe Gerling steht komplett zum Verkauf. Rolf Gerling musste nach Informationen der Financial Times Deutschland zustimmen, seine Mehrheit an dem Konzern aufzugeben, wenn die Deutsche Bank einen Käufer findet. Sollte der Käufer dies wünschen, muss Rolf Gerling seinen Anteil von 65,5 Prozent sogar vollständig verkaufen, ebenso wie die Deutsche Bank ihre 34,5 Prozent, hieß es übereinstimmend in Versicherungs-und Bankenkreisen. Die Investmentbanker der Deutschen Bank und mehrere Berater sollen jetzt Käufer suchen.

Nur unter dieser Bedingung war Bank-Chef Rolf-E. Breuer bereit, eine dringend nötige Kapitalerhöhung von 300 Mio. Euro für den Gerling-Konzern Anfang dieser Woche – die zweite innerhalb von drei Monaten – ohne den Mehrheitsaktionär vorzunehmen. Damit rettete Breuer den fünftgrößten deutschen Versicherer vor ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. Rolf Gerling fehlten offenbar die Mittel für die Kapitalerhöhung. Er musste schon im Dezember bei der ersten Kapitalerhöhung von 408 Mio. Euro persönlich 286 Mio. Euro aufbringen.

Bisher hatte sich der 47-jährige Rolf Gerling beharrlich geweigert, die Kontrolle über den Versicherungskonzern aufzugeben, den sein Großvater Robert Gerling 1904 gegründet hatte. Die Deutsche Bank war 1991 in der damaligen Schwächeperiode des Konzerns mit 30 Prozent eingestiegen. Sie hatte vergeblich versucht, Rolf Gerling zur Aufgabe der Mehrheit zu bewegen. Nach einem letzten, erfolglosen Anlauf blies Bankchef Breuer 1998 zum Rückzug: Die 30 Prozent der Deutschen Bank sollten verkauft werden. Dies erwies sich aber als schwierig. „Für 30 Prozent findet die Bank keinen Käufer“, so ein Insider. Den als Alternative geplanten Börsengang musste Gerling mehrfach verschieben, vor allem wegen der schlechten Marktverfassung.

Die Aussichten, für die jetzt angebotene Mehrheit oder sogar 100 Prozent Käufer zu finden, sind dagegen nicht schlecht: Der Weltmarkt für Industrie-und Rückversicherung zieht kräftig an, deutliche Preiserhöhungen und bessere Bedingungen könnten eine Investition rentierlich machen.

Als wahrscheinlich gilt dabei ein getrennter Verkauf der Gerling-Aktivitäten bei Rück-und Erstversicherungen. Es war die Gerling-Konzern Globale Rück, die gerade einen katastrophalen Verlust von 500 Mio. Euro nach Steuern für das Jahr 2001 einfuhr und damit die Konzernkrise auslöste.

Als Käufer für den Rückversicherer kommen die beiden Marktführer Münchener Rück und Swiss Re kaum in Frage. Sie haben zu viele gemeinsame Kunden mit Gerling und würden ihren Marktanteil kaum erhöhen. Anders ist das Bild bei kleineren Gesellschaften wie der französischen Scor, die schnell wachsen will und sich die Mittel von der Börse holen könnte. Eine zweite potenzielle Käufergruppe stammt aus Nordamerika. Im Steuerparadies Bermuda gibt es mit viel US-Kapital ausgestattete Rückversicherer, von denen einige in Europa präsent sein wollen.

Für die angesehene Gerling-Erstversicherungsgruppe gibt es ebenfalls Interessenten. Der US-Konzern American International, einer der führenden Industrieversicherer, hatte mehrfach bei Rolf Gerling angeklopft. Die britische Royal & SunAlliance ist weltweit im Bereich Schaden-und Unfallversicherung auf Expansionskurs. Auch Bermuda-Gesellschaften könnten interessiert sein.

Entscheidend wird der Preis sein, den Rolf Gerling und Deutsche Bank verlangen. Die Deutsche Bank hat gerade für 300 Mio. Euro ihren Anteil um 4,5 Prozent erhöht. Dies entspräche einem Preis für die Gruppe von 6,7 Mrd. Euro. Allerdings, so Insider, ist der von der Bank und Rolf Gerling angenommene tatsächliche Wert des Konzerns geringer. Die 300 Mio. Euro enthalten einen Zuschlag für Rolf Gerlings Bereitschaft, die Mehrheit zu verkaufen. Um einen Preis über 6 Mrd. Euro zu rechtfertigen, müssten Käufer einen langfristig zu erzielenden Gewinn nach Steuern von 400 Mio. Euro erwarten. Ein 15facher Jahresgewinn ist eine in der Branche akzeptierte Größe für die Preisfindung. Diese Summe wäre für Gerling aber ein hohes Ziel.

Quelle: Financial Times Deutschland


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