Naturschützer in Nadelstreifen

Von Herbert Fromme, Köln Berlin, März 1995. Greenpeace hat zu einer Konferenz über das Weltklima eingeladen. Das Treffen hat eine interessante Teilnehmerliste: Neben alterprobten Aktivisten aus der internationalen Umweltszene sitzen Versicherer, die sich Sorgen um die Folgen von Naturkatastrophen machen. Rolf Gerling, Besitzer des gleichnamigen Konzerns und sonst eher öffentlichkeitsscheu, leitet einen Teil der Konferenz. Er argumentiert sachlich, fragt interessiert nach. Gerling ist in seinem Element.

Einen Versicherungskonzern wollte er nie führen. Der Mehrheitseigner des letzten großen Versicherers im Familienbesitz zeigte sehr früh andere Neigungen. Trotz des Betriebswirtschaftsstudiums in Zürich und zahlreicher Praktika im väterlichen Unternehmen war er mehr an psychologischen und ökologischen Problemen interessiert. 1982 absolvierte er eine tiefenpsychologische Ausbildung am C.-G.-Jung-Institut in Küsnacht.

In das operative Versicherungsgeschäft ließ er sich nur wenige Jahre einbinden, von März 1989 bis Ende 1992. Seitdem leitet er die Gruppe über den Aufsichtsrat, ist aber „sehr präsent“, wie Manager berichten. Von seinem Wohnsitz in der Schweiz aus kümmert er sich außerdem um die Gerling Akademie für Risikoforschung in Zürich, um einen eigenen Verlag und zahlreiche andere Aktivitäten. Dabei blickt er weit über den Tellerrand der Assekuranz hinaus und lässt auch Querdenker zu politischen und gesellschaftlichen Trends zu Wort kommen.

Gegen den Verkauf der Mehrheit des Konzerns an die Deutsche Bank oder einen anderen Partner sträubte er sich lange. Jetzt hat ihn Bankchef Rolf-E. Breuer zum Einlenken gezwungen. Gerling ging das Geld aus. Nach schweren Verlusten im Rückversicherungsgeschäft braucht sein Konzern dringend eine Finanzspritze. Doch Gerling hatte bei der letzten Kapitalerhöhung im Dezember seine Mittel aufgebraucht.

Über die Motive Rolf Gerlings, den Konzern so lange nicht verkaufen zu wollen, darf gerätselt werden. Er war der festen Überzeugung, dass die Zukunft der Gruppe auch unter einem privaten Eigner gesichert ist. Jetzt dürfte er einen sehr viel niedrigeren Preis erzielen als noch vor vier bis fünf Jahren. Schmerzen muss ihn allerdings auch die Erkenntnis, dass engste Vertraute nicht immer die klügsten Ratschläge geben.

Der 47-jährige Psychologe und Doktor der Ökonomie ist mit seinem Spagat zwischen gesellschaftlichem Engagement und Unternehmertum gescheitert. Aber gerade die Doppelrolle machte Rolf Gerling interessant. „Wenn er verkaufen würde, wäre er nur einfach ein sehr reicher Mann mit einem Spleen“, sagte ein guter Kenner des Unternehmers vor zwei Jahren.

Als Konzernchef hatten seine ökologischen Auffassungen ein ganz besonders Gewicht. Das war ein wichtiges Motiv. Vielleicht hat Rolf Gerling auch einfach versucht, das Erbe seines Vaters zu bewahren. Aber wie sich zeigt, ist die Grenze zwischen Standhaftigkeit und Starrsinn sehr fein.

Zitat:

„Wenn er verkaufen würde, wäre er nur ein sehr reicher Mann mit einem Spleen“ – Ein Vertrauter über Rolf Gerling.

Quelle: Financial Times Deutschland


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