Allianz kämpft um ihr Allfinanzmodell

Von Claudia Wanner, Frankfurt, und Herbert Fromme, Köln Anfang 2003 sollen sie auch in den Verkaufsbüros der Allianz-Vertreter surren, die Kontoauszugsdrucker der Dresdner Bank. Die Voraussetzungen dafür schaffen gerade die EDV-Abteilungen.

Wahrscheinlich gehört die Lösung der technischen Probleme zu den einfacheren Übungen in der Fusion von alteingesessenem Versicherungskonzern mit ebenso etablierter Bank. Vor einem Jahr wurde der große Wurf bekannt – gegen den sich die Allianz jahrelang gesträubt hatte. Seit August ist die milliardenschwere Übernahme vollzogen. Seither versucht der fusionserprobte Versicherungskonzern, seine größte Integrationsaufgabe zu bewältigen.

Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle hatte lange gegen die Übernahme einer Bank argumentiert. Zur Begründung für die Kehrtwende diente ihm vor allem die Ausbreitung der privaten Altersvorsorge in der Bundesrepublik, die Riester-Rente. Nur mit einem integrierten Finanzkonzern, so Schulte-Noelle im Frühjahr 2001 plötzlich, sei man dieser Herausforderung gewachsen.

Viel Freude macht der Allianz ihre Neuerwerbung jedoch bisher nicht. Der Vorsteuergewinn der Bank brach 2001 um 90,5 Prozent auf 153 Mio. Euro ein. Das vierte Quartal schloss das Institut gar mit einem deutlichen Verlust von mehr als 500 Mio. Euro ab. So war für den Mutterkonzern und die wenigen verbliebenen freien Aktionäre nur eine Dividende von 70 Cents je Aktie drin, 25 Prozent weniger als im Vorjahr. Die Allianz versucht jetzt, die Risikostruktur der Bank zu ändern und der eigenen anzupassen.

Auch die praktische Integration der ungleichen Schwestern kommt nicht recht voran, mahnen Branchenkenner. Seit dem Sommer hätten die beiden Fusionspartner viel von ihrer Geschwindigkeit verloren. „Und eine wirklich ordnende Hand ist nicht sichtbar“, bemängelt ein hochrangiger Banker. Die deutlichsten Zeichen seien noch die Plakate mit Allianz-Logo in den Filialen der Dresdner, spottet er.

Ob für den Verkauf von Standard-Policen wirklich ein einheitlicher Konzern nötig ist, bezweifeln auch Allianz-Manager. Sie verweisen aber auf die betriebliche Altersvorsorge, in der das Allianz/Dreba-Doppel in der Tat einige bemerkenswerte Erfolge vorweisen kann.

Und in wenigen Wochen kommt ein ganz neues Produkt aus der gemeinsamen Entwicklungsschmiede an die Schalter, der Testvertrieb hat bereits begonnen. Die Allianz Dresdner Fonds-Police verbindet Fonds der Allianz Dresdner Asset Management (ADAM) mit einer Versicherungslösung der Allianz Leben und dem Vertrieb durch die Dresdner Bank. „Das gehört zu der Art von Produkten, die in Italien oder Frankreich den Markt beherrschen und dort vor allem über Banken abgesetzt werden“, sagte Gerhard Richter, Leiter Privatkunden der Dresdner Bank.

Schon jetzt ist aber klar, dass der Verkauf von Versicherungsprodukten durch Bankangestellte oder von Fonds und Aktien durch Versicherungsvertreter kein einfaches Unterfangen ist. Deshalb musste die Allianz 800 hauptamtliche Außendienstler in die Bankfilialen schicken. Umgekehrt tun 110 Wertpapierberater in großen Allianz-Vertriebsbüros Dienst. Richter ist vom Sinn der Fusion überzeugt. „Die Masse dieser Dinge geht sehr viel einfacher, wenn man einer Gruppe angehört.“ Bei reinen Kooperationsmodellen gebe es fast immer Streit um die Margen.

Erhebliche Auswirkungen auf die Profitabilität erhofft sich Richter auch vom Verkauf von Sachversicherungen über die Bankschalter, der gerade begonnen hat. „Die Cross-Selling-Potentiale sind erheblich.“ Das gelte für beide Seiten: Schließlich sei es auch für den Allianz-Vertreter beruhigend, wenn der Kunde sein Konto bei der Dresdner Bank habe. „Wenn der bei der Sparkasse ist, bedeutet das permanente Angriffsmöglichkeiten für die Konkurrenz.“ Die Ergänzung von Bank und Versicherung hatte vor gut einem Jahr in der Dresdner Bank für Erleichterung gesorgt. Gescheiterte Fusionsgespräche mit der Deutschen und der Commerzbank hatten mürbe gemacht. Entsprechend hoch fiel die Zustimmung zur Allfinanz-Verbindung aus. Bei einer Umfrage unter Mitarbeitern verneinten vor einem Jahr nur elf Prozent die Frage, ob sie den Ereignissen, die sich aus der Fusion ergeben, gelassen entgegen sehen. Zum Jahresende 2001 lag die Ablehnungsquote schon bei 25 Prozent.

Dazu kommt: Die Fusion findet in einem sehr schwierigen Kapitalmarktumfeld statt. Ein Aufschwung an den Aktienmärkten dürfte indes nicht nur die Stimmung heben. Auch die Veräußerung von Unternehmensteilen – Firmenkundengeschäft und Investmentbanking werden als Kandidaten gehandelt – dürfte dann wieder in Gang kommen, erwartet ein Frankfurter Beobachter. „Wenn jemand bereit ist, für Dresdner Kleinwort Wasserstein einen ordentlichen Preis zu zahlen, ist die Investmentbank weg.“ Im Nebensatz lässt er fallen, dass es um Leonhard Fischer, den einstigen Star des Instituts, der als jüngster Bankvorstand Deutschlands gefeiert wurde, sehr still geworden sei. Das bestätigen auch Mitarbeiter der Investmentbank: „Man könnte fast meinen, er setzt für ein Sabbatical aus.“

Zitat:

„Reine Kooperationsmodelle führen leicht zum Margenstreit“ – Gerhard Richter, Dresdner Bank

www.ftd.de/allfinanz

Leitartikel Seite 31.

Quelle: Financial Times Deutschland


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