Börsenstar im Sinkflug

Von Herbert Fromme, Köln, und Rolf Lebert, Frankfurt Die Reaktion der Börsianer kam schnell und brutal. Der Bericht der Anlegerzeitschrift „Börse Online“, der sich kritisch mit der Bilanzierung des Finanzdienstleisters MLP beschäftigte, war gerade erst bekannt geworden. Doch binnen Minuten begann der Absturz des einstigen Börsenstars – und der freie Fall nahm und nahm keine Ende: In zwei Tagen verlor die Aktie 33 Prozent.

Die MLP-Chefetage berief hektisch eine Pressekonferenz ein, wohl gesonnene Analysten meldeten sich flugs zu Wort. Doch sie konnten den Trend nicht mehr drehen. Der Absturz scheint beschlossene Sache. Grund dafür sind mitnichten nur fragwürdige Bilanzierungsmethoden – das Geschäftsmodell von MLP steht insgesamt zur Debatte. Und morgen steigt die Hauptversammlung.

Einig waren sich die Analysten ohnehin nicht: Kein anderes Unternehmen des deutschen Renommierindex Dax, in dem die 30 größten Unternehmen des Landes notiert werden, spaltet die Geister mehr als MLP.

Die Ketzer schimpfen, MLP verführe das Publikum mit geschönten Bilanzen. Die Gläubigen beteuern, bei MLP sei alles in schönster Ordnung. Das Resultat ist eine Aktie, die mit 130 Euro in den Dax einzog, einst bei 170 Euro stand – und heute unter 50 Euro herumkrebst. Und die Ungläubigen, wie die Analysten des Frankfurter Privatbankhauses Metzler, halten das Papier immer noch für überwertet: Sie geben als Kursziel 32 Euro an.

WestLB Panmure wiederum hält die Aktie für ein Schnäppchen und empfiehlt zu kaufen, Kursziel: 104 Euro. Doch solch wohlmeinende Ratschläge nutzen nichts: Offensichtlich ziehen sich gerade institutionelle Anleger zurück. „Wir haben nur auf einen Anlass gewartet, aus MLP raus zu gehen“, sagt ein Asset Manager einer bedeutenden Fondsgesellschaft. „Schon vor der Veröffentlichung gab es Unbehagen.“

Bei seiner Verteidigung gegen die Angriffe von „Börse Online“ konzentrierte sich Vorstandschef Bernhard Termühlen auf ein Hauptargument: Die von der Zeitschrift monierten hohen Vorfinanzierungen für Abschlusskosten der MLP Leben durch Rückversicherer sei bei jungen Lebensversicherern üblich.

Genau das wollten die Anleger aber nicht hören – MLP ist eben nicht irgendein junger Lebensversicherer. MLP war – allemal aus eigener Sicht – die Erfolgsstory schlechthin. Das Geschäftsmodell sei einzigartig, Wachstum von Umsatz und Gewinn sei auch in Zukunft gesichert, verbreitete stets der Vorstand. Und tatsächlich pflegten die bisherigen Prognosen für die beiden Kenngrößen laut Bilanz immer punktgenau in Erfüllung zu gehen. Doch schon allein das war ein Faktor, der manchen Anleger ins Grübeln brachte, funktioniert die Wirtschaft doch gemeinhin nicht so gehorsam und pünktlich.

MLP ist in erster Linie eine sehr erfolgreiche Verkaufsorganisation für Versicherungspolicen und Finanzprodukte anderer Versicherer, Banken und Fondsorganisationen. Die Methoden, mit denen die MLP-Truppen sich auf Studenten und Hochschulabsolventen stürzen, mögen manchmal penetrant sein, doch sie legen die Basis für langfristige, gut gepflegte Kundenkontakte.

Mit dem Verkauf macht der Konzern sein Geld. Dabei ist MLP für die Anbieter sehr teuer, die Gruppe verlangt und bekommt höhere Provisionen als im Markt üblich. Ein Versicherungsvertreter erzielt für eine Lebensversicherung rund 3,5 Prozent der insgesamt eingezahlten Prämien als Abschlussprovision, ein normaler, kleiner Makler einschließlich einer Kostenabgeltung vielleicht vier bis fünf Prozent – MLP kassiert 6 Prozent. Zahlt ein Kunde 300 Euro im Monat und schließt den Vertrag über 30 Jahre, bekommt der Heidelberger Konzern sechs Prozent von 108 000 Euro – gleich 6480 Euro. Eine stolze Summe. Auch die laufenden Provisionen sind höher: Üblich sind zwei Prozent der Jahresprämie, bei MLP sind es meist 2,5 bis 3 Prozent. Ähnlich bei der privaten Krankenversicherung. Kommt ein einfacher Makler auf höchstens acht Monatsbeiträge Provision, kassiert MLP zehn.

Gigantische Provisionen

Trotzdem hat MLP bisher keine Probleme, Unternehmen zu finden, die ihre Finanzprodukte von dem Heidelberger Unternehmen verkaufen lassen wollen. Gerade vertriebsschwache Versicherer mit niedrigen Wachstumsraten müssen es sich etwas kosten lassen, dass die 2730 MLP-Vertreter ihre Produkte an den Kunden bringen. Die Axa-Gruppe hatte vor einigen Jahren die Zusammenarbeit mit dem Argument „zu teuer“ eingestellt. Reumütig musste Chef Dill zurückkehren, seit Anfang des Jahres gibt es wieder Axa-Policen im MLP-Angebot.

Auch erfolgreiche Anbieter mit eigenen starken Vertrieben sind nicht abgeneigt: MLP bringt in der Regel gutes Geschäft mit niedrigen Kündigungszahlen, den so genannten Stornos. Mit seinem Fokus auf Akademiker konzentriert es sich auf eine Kundengruppe, die als gutes Risiko gilt.

Seit der Gründung 1971 betrieb MLP dieses Geschäft mit zunehmenden Erfolg und führte es in einer eigenen Aktiengesellschaft, der MLP Finanzdienstleistungen.

1991 begannen die Heidelberger selbst das Lebensversicherungsgeschäft, statt nur zu vermitteln. Die MLP Lebensversicherung wurde gegründet, später die Schwestergesellschaft in Wien – und die stehen nun im Zentrum des aktuellen Konflikts.

Die beiden Gesellschaften verkaufen vor allem fondsgebundene Lebensversicherungen. Mit 367 Mio. Euro Prämieneinnahmen in 2001 gehört die MLP Leben zu den kleineren Gesellschaften im Markt. Die Policen werden über den MLP-Vertrieb abgesetzt, machen dort aber auch nur einen kleinen Teil des Geschäfts aus. Dennoch wies die MLP Leben 76 Mio. Euro Abschlusskosten für 2001 aus – satte 21 Prozent der Prämien. Um diese hohen Kosten finanzieren zu können, bediente sich MLP der Finanzrückversicherung. Dabei finanziert ein externer Rückversicherer die Abschlusskosten vor und erhält dafür später einen höheren Anteil an den Kostenerstattungen, die die Kunden über die Jahre mit den Prämien aufbringen.

Das Geschäft funktioniert wie ein Kredit – nur dass er nicht als solcher in der Bilanz aufgeführt werden muss. Chef Termühlen hat zwar Recht, dass diese Praxis bei vielen rasch wachsenden Lebensversicherern gängig und auch rechtlich einwandfrei ist. Aber er hat noch keine andere Versicherungsgruppe zeigen können, bei der wie bei MLP die Überweisungen der Rückversicherer 39 Prozent des Vorsteuerergebnisses der Muttergesellschaft ausmachen. Ein Sprecher der Schutzgemeinschaft der Kleinaktionäre bestätigt: „Viele Aktionäre machen sich Sorgen wegen der von MLP vorgenommenen Rückversicherungsgeschäfte. Ob das als Schulden oder anders bezeichnet werden kann, ist dabei unerheblich. Die Rückversicherer haben ja in der Regel kein Geld zu verschenken.“

Die Kleinaktionäre haben zudem weiteren Grund zum Ärgern: Die Schaffung der MLP Leben hatte für Gründer Manfred Lautenschläger und Manager Termühlen langfristig noch den ganz besonderen Charme, dass sie bedeutende Minderheitsaktionäre der Tochter sind. Diese Minderheitsanteile werden genau wie die an drei anderen Töchtern gerade im Tausch gegen MLP-Aktien in den Mutterkonzern eingebracht – zu einem Kurs, den die Kleinaktionäre für drastisch überhöht halten. Sie klagen bereits gegen die Verwässerung der Aktien der Muttergesellschaft.

Auch bei den Beschäftigten gibt es Unruhe. Viele hatten in den letzten Jahren stark in MLP-Aktien investiert und sich dafür Geld geliehen. Wer zu mehr als 170 Euro, wie Ende 2000, oder zum Dax-Eingangskurs gekauft und sich dafür verschuldet hat, bekommt beim Kurs von unter 50 Euro Post von seiner Bank.

Der starke Ausbau des legendären Vertriebes in den letzten Jahren basierte aber vor allem darauf, mit scheinbar lukrativen Aktienangeboten locken zu können. Jetzt ist der Katzenjammer groß. Hinzu kommt, dass der Konzern die Vertriebsstruktur umgebaut hat: Statt eines Büros gibt es für eine große Hochschule plötzlich zwei oder drei, entsprechend schwieriger wird es für den einzelnen Vertreter, auskömmliche Provisionen zu verdienen.

Ellenlange Mängelliste

Zu schlechter Letzt konnte sich das Unternehmen nicht dazu durchringen, seinen Abschlussprüfer zu wechseln. Die Wirtschaftsprüfer Rölfs WP Partner sind auch Prüfer der umstrittenen Securenta-Gruppe – deren Bankhaus Partin im vergangenen Jahr geschlossen werden musste.

Die Mängelliste ist lang, die sich Bernhard Termühlen zuschreiben lassen muss. Der MLP-Chef will jetzt unbedingt das Vertrauen der Anleger wiedergewinnen. Wie das, erklärte er gestern in der „Welt am Sonntag“: „Ich will nicht ausschließen, dass wir klagen. Damit den Gerüchteköchen das Handwerk gelegt werden kann.“

Zitat:

„Wir warteten nur auf einen Anlass, aus MLP raus zu gehen“ – Ein Asset Manager einer bedeutenden Fondsgesellschaft

„Den Gerüchteköchen das Handwerk legen!“ – MLP-Chef Bernhard Termühlen

www.ftd.de/mlp .

Quelle: Financial Times Deutschland


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