Großindustrie prüft finanzielles Engagement bei Gerling

Von Herbert Fromme, Köln Die deutsche Großindustrie erwägt den Einstieg beim Gerling-Konzern, der zum Verkauf steht. Nach Informationen der Financial Times Deutschland hat der Chemiekonzern BASF die Initiative ergriffen. Vorstandschef Jürgen Strube und Finanzvorstand Max Dietrich Kley luden interessierte Dax-Unternehmen zu einer Diskussion über ein Engagement bei dem Industrieversicherer ein. Das Treffen fand am Donnerstag statt. Die meisten Teilnehmer, darunter Vertreter von Siemens und Bayer, brachten dem Projekt „höfliches Interesse“ entgegen, hieß es.

Der Gerling-Konzern steht auf Verlangen des Minderheitsaktionärs Deutsche Bank (34,5 Prozent) zum Verkauf. Nach einem hohen Verlust der Rückversicherungstochter war im März eine Kapitalerhöhung nötig, die Mehrheitseigner Rolf Gerling (65,5 Prozent) nicht mittragen konnte. Die Bank brachte die 300 Mio. Euro alleine auf, rang dafür aber Rolf Gerling die Zusage ab, die Mehrheit zu verkaufen.

Die Bank will schon lange bei Gerling aussteigen, findet aber für ihre Minderheit keinen Käufer. Gerling ist neben der Allianz der wichtigste Industrieversicherer in Deutschland. Der Wegfall dieser Kapazität oder die Übernahme durch ein Unternehmen, das mit anderen Geschäftsgrundsätzen in den Markt geht, könnten zu einer Versicherungskrise für die Großindustrie führen, befürchtet BASF. Vor allem die Chemie wäre betroffen. Für sie ist Gerling traditionell der wichtigste Versicherer.

BASF hatte vor einigen Monaten schon eine Diskussion über einen industrieeigenen Rückversicherer angestoßen. Branchenkenner räumen beiden Initiativen jedoch nur geringe Erfolgschancen ein. „Die übrige Industrie hat wenig Lust, mit viel Kapital die schweren Haftungsrisiken der Chemieindustrie zu tragen“, sagte ein Kenner der Materie. Allerdings hat die deutsche Industrie schon einmal 1978 durch eine konzertierte Rettungsaktion die Unabhängigkeit Gerlings sichergestellt.

Bei Gerling wartet die Belegschaft auf die offizielle Verkündung der Maßnahmen des Projekts „Aufbruch“. Die Erklärungsfrist des Betriebsrates läuft bis morgen. Das Programm umfasst unter anderem die Verkleinerung der jetzt 13 000 zählenden Belegschaft um 1200.

Quelle: Financial Times Deutschland


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