Führungslos treibt Babcock Borsig in die Krise

Dem verlustreichen Anlagenbauer geht das Geld aus · US-Aktionär Wyser-Pratte greift bisherigen Vorstandschef Lederer scharf an

Von Herbert Fromme, Köln Sechs Jahre nach der letzten großen Krise steht der Anlagenbauer Babcock Borsig erneut vor dem Abgrund. Aktuell fehlen 200 Mio. Euro Liquidität, es drohen Verluste von 500 Mio. Euro für das laufende Geschäftsjahr. Der Konzern ist ohne Vorstandsvorsitzenden, weil der bisherige Chef Klaus Lederer sich auf den Chefsessel der gerade verkauften Tochter Howaldtswerke-Deutsche Werft (HDW) zurückzog.

Der als Nachfolger vorgesehene Steag-Chef Jochen Melchior stellt Bedingungen: Alle Beteiligten sollen ein von Roland Berger und BDO erarbeitete Sanierungskonzept unterstützen. Die Belegschaft soll 50 Mio. Euro, die Banken 150 Mio. Euro aufbringen. Auch von einer Eigenkapitalerhöhung und einer Landesbürgschaft ist die Rede. Großaktionäre sind Deutsche Bank (8,8 Prozent), WestLB (8,5 Prozent), Preussag (8,9 Prozent), Credit Agricole Lazard FP Bank (8,5 Prozent) und der US-Investor Guy Wyser-Pratte (8,2 Prozent). Rund 57 Prozent sind im Streubesitz.

Die nach der Krise 1996, als die Banken 600 Mio. DM aufbrachten, eingeschlagene Sanierungs-und Diversifizierungsstrategie der letzten Jahre ist gescheitert. Erfolglos blieb auch der 1997 als Krisenmanager angeheuerte Klaus Lederer.

Gescheitert ist auch ein Stück typisch nordrhein-westfälischer Industriepolitik, das von der Landesbank WestLB und ihrem früheren Vorstandschef Friedel Neuber beim Umbau der Preussag zum Tourismuskonzern ausgeführt wurde. Babcock Borsig (Großaktionär WestLB) übernahm 1999 die Problemfälle der Preussag (Großaktionär WestLB) und bekam als Kompensation die Mehrheit an der hoch profitablen und wegen der hohen Anzahlungen im Kriegsschiffbau reichen Werft Howaldtswerke-Deutsche Werft in Kiel.

Im März 2002 trennte sich Babcock Borsig überraschend wieder von der Mehrheit an der Werft. Lederer nannte Finanzgründe: Die Banken wollten die Aufstockung auf 100 Prozent, immer wieder als nächster Schritt genannt, nicht finanzieren. Der Verkauf von Teilen der Energietechnik ging nicht voran – auch als Folge der Enron-Pleite in den USA.

Gleichzeitig brauchte der Konzern dringend Geld, um die Schulden bei HDW aus dem zentralen Cash-Management des Konzerns bezahlen zu können. Im März verkaufte Babcock Borsig 25 Prozent von HDW an die US-Finanzgruppe One Equity Partners, die zur Bank One in Chicago gehört. Nach Unterlagen des Unternehmens erzielte Babcock-Borsig einen Preis von 300 Mio. Euro und damit einen Gewinn von 134 Mio. Euro. Lederer hat bisher immer von einem „Zufluss von 350 Mio. Euro“ gesprochen. Bargeld floss ohnehin nicht, das Geld blieb bei HDW. Babcock Borsigs eigene Cash-Situation wurde deutlich knapper. Gleichzeitig verkaufte Preussag seine 50 Prozent an One Equity Partners, die damit die Mehrheit halten und eine Option für die restlichen 25 Prozent haben, die noch bei Babcock Borsig liegen. Der Verkauf an One Equity sorgt seit März für Unruhe. Der Ausverkauf deutscher Rüstungsinteressen wird ebenso befürchtet wie die verdeckte Lieferung von U-Booten an Taiwan über die USA. Anlass zur Kritik boten Lederer und der Käufer genug: Lederer und Richard Cashin, Chef von One Equity Partners, hatten zusammen mit zwei weiteren Geschäftsleuten die Beratungsfirma Boulders Capital gegründet, die sich auf das Einfädeln von Übernahmen spezialisierte. Lederer hatte sich erst Ende 2001 zurück gezogen. Wyser-Pratte wittert hinter der akuten Krise eine genau geplante Inszenierung. „Jede Bekanntmachung ist lange vorher geplant. Das soll eine Krisenatmosphäre schaffen“, sagte er. So solle der Verkauf der übrigen 25 Prozent von HDW durch Babcock Borsig als einzig mögliche Lösung erscheinen. „Das ist eine inszenierte, künstliche Krise.“

Zitat:

„Das ist eine inszenierte, künstliche Krise“ – Guy Wyser-Pratte, Großaktionär

Bild(er):

Babcock-Mitarbeiter bei Schweißarbeiten in einem Beliner Werk – ddp/Theo Heimann.

Quelle: Financial Times Deutschland

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