Versicherer fürchten den Enron-Effekt

Von Herbert Fromme, Köln Die internationale Versicherungswirtschaft wird zunehmend nervös wegen der geplanten Änderungen der Rechnungslegungsvorschriften. Sie regeln, wie Unternehmen ihre Ergebnisse ausweisen müssen. Zum zweiten Mal innerhalb von acht Wochen wandten sich drei führende Versicherungsverbände mit einem gemeinsamen Brief an David Tweedie, Chef des International Accounting Standards Board (IASB) in London.

Der American Council of Life Insurers, die Lebensversicherungsvereinigung Japans und der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) schlagen in ihrem vom 11. Juni datierten und jetzt veröffentlichten Brief Alarm. Sie fürchten weitreichende negative Auswirkungen auf ihre Mitglieder, wenn die gegenwärtigen IASB-Pläne zu den Versichererbilanzen Wirklichkeit werden. Die EU will zumindest alle börsennotierten Versicherer zwingen, die neuen Regeln ab 2005 anzuwenden. Ein erstes Protestschreiben hatten die Verbände im April geschickt.

Allianz-Vorstand Helmut Perlet erwartet für die Versicherer große Nachteile im Wettbewerb mit Industrieunternehmen um Anlegerkapital. Perlet hat den neuesten IASB-Verlautbarungen vom Ende Mai zwar auch eine positive Seite abgewonnen. „Das IASB hat erklärt, dass bis 2005 kein besonderer Standard zur Versicherung eingeführt wird“, sagte Perlet. Das gebe wenigstens kurzfristig Planungssicherheit.

Allerdings gehe der Streit in der Hauptsache weiter. „Über die zentrale Frage, wie Versicherungsverträge bewertet werden, gibt es keine Einigkeit“, sagte der Allianz-Vorstand, der im GDV eine zentrale Rolle bei Bilanzfragen spielt. „Wir sind gegen die jetzigen Vorschläge.“ Sollten sie aber so bleiben, sei es völlig unmöglich, sie bis 2005 einzuführen, sagte er. „Dann brauchen die Versicherer deutlich längere Übergangsfristen.“

Im Zentrum der Kritik der drei Verbände steht der IASB-Plan, die Versicherer künftig zu Jahresabschlüssen nach den Prinzipien „Fair Value“ oder „Mark-to-market“ zu zwingen, also vollständig nach den Zeitwerten von Vermögen und Schulden – auch da, wo diese Prinzipien nach Ansicht der Versicherer gar nicht passen.

Die großzügige Anwendung dieser Regeln durch das Management des US-Energieriesen Enron habe maßgeblich zum Fall des Konzerns und damit zur größten Firmenpleite in den USA beigetragen, warnen die Versicherer. Nach „Fair Value“ und „Mark-to-Market“ müssen Unternehmen alle Wertpapiere und die bestehenden, verkaufbaren Verträge zu dem zu erzielenden Zeitwert in ihrer Bilanz zeigen. Der vom IASB verfolgte Zweck: Investoren sollen sich ein tatsächliches Bild über die Lage eines Unternehmens machen können und nicht durch versteckte Schulden überrascht werden.

„Enron zeigt aber, dass die Überstrapazierung dieser Grundsätze zu Verwerfungen führen kann“, argumentiert GDV-Bilanzexperte Hans-Jürgen Säglitz.

Die Experten des IASB wollen die Versicherer zwingen, künftig nicht nur ihre Kapitalanlagen, sondern auch alle Rückstellungen und versicherungstechnischen Verpflichtungen zu einem Marktwert anzugeben.

Ein Lebensversicherer würde für jeden Vertrag, auch wenn er über 20 Jahre oder länger läuft, die Gewinnerwartung über die volle Laufzeit berechnen und im Jahr des Abschlusses als Gewinn verbuchen. „Das Hauptproblem ist, dass es für die Verpflichtungen der Versicherer überhaupt keinen Markt gibt. Die sind nicht handelbar. Deshalb kann man auch keinen zuverlässigen Zeitwert feststellen“, sagte Säglitz. Die Folge: Unternehmen oder Branchen setzen ihre eigenen Maßstäbe für den Wert eines Vertrages oder einer Verpflichtung an – mit katastrophalen Folgen wie bei Enron.

Genau diese Gefahr kritisieren die drei Verbände in ihrem Brief an IASB-Chef Tweedie. Enron habe in seinen Büchern Gewinne aus weit in die Zukunft reichenden Lieferkontrakten für Gas gezeigt – obwohl es für diese künftigen Liefertermine überhaupt noch keinen Marktpreis für das Gas gab. Ob der schon ausgewiesene Gewinn überhaupt real erzielt worden wäre, sei völlig offen. Bei der Bewertung von Versicherungsverträgen seien diese Gefahren noch größer, so die drei Verbände.

Ebenso problematisch für die Versicherungswirtschaft stellen sich die Forderungen des IASB dar, Schwankungen in den Kapitalanlagen künftig als Gewinn oder Verlust auszuweisen. Bei großen Konzernen mit hohen Aktienanteilen können Börsenschwankungen um 10 oder 20 Prozent viele Milliarden Gewinn oder Verlust bedeuten. Sie müssten nach IASB-Vorstellungen im Jahresabschluss gezeigt werden und stellen die operativen Gewinne völlig in den Schatten. Investoren werden Gewinnschwankungen von 10 Mrd. Euro oder mehr pro Jahr aber kaum verstehen, glaubt Allianz-Vorstand Perlet.

Zitat:

„Über die zentralen Fragen gibt es keine Einigkeit“ – Allianz-Vorstand Helmut Perlet

Quelle: Financial Times Deutschland


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