Zeit für das große Aufräumen

Viele Lebensversicherer sind in ernste Finanzprobleme geraten. In der traditionell völlig zersplitterten Branche ist eine Fusionswelle überfällig

Die Warnzeichen sind eindeutig: Die Versicherer bereiten über ihren Verband eine Auffanglösung für Lebensversicherer vor, denen es schlecht geht. Meldungen über Finanzprobleme einzelner Gesellschaften häufen sich. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht geht mit der ihr vorgeschriebenen Geheimhaltung zu Werke und bittet diskret den einen oder anderen Versicherer, doch einen notleidenden Kollegen oder zumindest dessen Bestand zu übernehmen. Manager mittelgroßer, respektabler Gesellschaften treffen sich trotz Urlaubszeit und loten die Möglichkeiten von Fusionen aus.

Die Schonzeit ist vorbei. Acht Jahre nach der Liberalisierung des deutschen Versicherungsmarktes 1994 steht die oft beschworene und erwartete Konsolidierungswelle bevor. Aber viele Unternehmen, vor allem Unternehmensführer, sind heute so wenig auf die tiefgreifenden Änderungen vorbereitet wie vor acht Jahren. Im Gegenteil: Selbsttäuschung über die tatsächliche Lage, oft gepaart mit panischer Angst um die persönliche Zukunft, führt dazu, dass die Manager bedrohter Unternehmen nichts oder das Falsche tun. Der Schaden für die betroffenen Gesellschaften, die gesamte Branche und vor allem die Kunden ist programmiert.

Auslöser Aktienbaisse

Katalysator für die anstehenden Änderungen ist ausgerechnet der Aktienmarkt – der über knapp acht Jahre wesentlich zur Stabilisierung des alten, unter staatlicher Regulierung gewachsenen Systems beigetragen hatte. Die Versicherer können seit Jahren die Sätze von mehr als sieben Prozent, die sie ihren Kunden als Gewinnbeteiligungen auf das Sparkapital versprachen, nicht durch Zinsen und Dividenden verdienen. Erst lukrative Aktienverkäufe machten die hohen Gewinnsätze möglich.

Jetzt sind für die meisten Versicherer solche Kursgewinne unmöglich geworden. Erstens sind die Börsen im Keller, zweitens haben viele keine stillen Reserven mehr, die realisierbar wären. Entweder wurden die Reserven schon früher aufgelöst, um Löcher zu stopfen, oder sie verpufften schlicht mit dem Aufplatzen der Börsenblase. Noch schlimmer: Seit der Änderung des Handelsgesetzbuches im vergangenen Jahr können Versicherer eigentlich nötige Abschreibungen auf Aktien hinausschieben. Viele haben jetzt „stille Lasten“ in ihren Büchern, die sie bei weiter schwachen Finanzmärkten am 31. Dezember 2002 zeigen müssen – zusätzlich zu eventuell nötigen Abschreibungen oder Verlustrealisierungen für 2002.

Bei einigen Gesellschaften nimmt die Krise dramatische Formen an. Ihnen fällt es schwer, die jährliche Mindestverzinsung zu erwirtschaften, die sie den Kunden bei Vertragsabschluss garantiert haben. Der Satz beträgt für Neuverträge zurzeit 3,25 Prozent. Wenn ein Versicherer nicht genug verdient, um die Mindestverzinsung zu erwirtschaften, kann er eine Zeit lang von freien Rückstellungen leben, ehe er insolvent wird. Ausgeschlossen ist ein solches Schicksal jedoch nicht.

Deshalb plant die Branche ihre Auffanglösung, die Lebensversicherer vor der Insolvenz retten soll oder auf jeden Fall die Kunden vor Totalverlust bewahrt. Der Fallschirm kann aber nur für wenige Notfälle funktionieren. Viele kleine und mittlere Versicherer, die finanziell noch knapp im grünen Bereich sind, müssen schnell eigenständig Lösungen finden.

Die Konsolidierung ist aber auch ohne Aktienkrise dringend notwendig. Von den rund 110 Lebensversicherern, die in Deutschland aktiv sind, haben 80 weniger als ein Prozent Marktanteil. Damit kann kaum ein Unternehmen Vertrieb und Verwaltung bezahlen, und vor allem kann es sich kein professionelles Management der Kapitalanlagen leisten. Die Marktführer haben klargemacht, welche Art Konsolidierung sie sich wünschen. Sie wollen ihre Marktanteile kräftig ausbauen. Die Ankündigung der Allianz, die Gewinnbeteiligung nicht zu senken, ist eine Kampfansage. Die Allianz kann sich ihre 6,8 Prozent noch leisten, die meisten Wettbewerber nicht. Deren Neugeschäft wird leiden, die Krise verschärft sich.

Prinzip Hoffnung

Fusionen zwischen mittelgroßen Versicherern kommen nicht voran. Das liegt zum Teil an der Rechtsform: Die meisten sind Versicherungsvereine auf Gegenseitigkeit, die notorisch schwer zusammenzuführen sind. Bei den Versicherungsvereinen hat sich auch keine führende, gesunde Gesellschaft herausgebildet, die jetzt Anziehungskraft entwickeln könnte. Der dritte Faktor ist die absonderliche Hoffnung der Vorstände problembeladener Lebensversicherer, es werde sich doch noch alles zum Guten wenden.

Das ist sehr unwahrscheinlich. Viel wahrscheinlicher ist, dass weit mehr Lebensversicherer als die bisher als Notfälle genannten zehn bis zwölf Gesellschaften sehr bald ernsthafte Probleme bekommen. Wenn sie sich jetzt nicht um Auffanglösungen oder Partnerschaften kümmern, kann es schnell zu spät sein. Der Bilanzstichtag 31. Dezember kommt bestimmt – und damit die Stunde der Wahrheit. Die könnte zum ersten Mal seit Jahrzehnten Versichererinsolvenzen sehen.

e-mail:

fromme.herbert@ftd.de.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv, RTF Import