Privater Krankenschutz wird teurer

Von Herbert Fromme und Ilse Schlingensiepen, Köln Knapp acht Millionen Kunden mit einer privaten Krankheitskosten-Vollversicherung müssen zum 1. Januar mit durchschnittlichen Preiserhöhungen von mehr als zehn Prozent rechnen. Das erwartet Jan Boetius, Chef des Marktführers Deutsche Krankenversicherung (DKV). Die DKV gehört zur Ergo, und damit zur Münchener Rück.

„Die Unternehmen am Markt werden durch die Bank ihre Beiträge zweistellig anpassen, zum Teil sogar deutlich zweistellig“, sagte Boetius der FTD. Für die DKV prognostiziert er zwar Anhebungen „deutlich unter Marktschnitt“. Aber auch sie muss die Preise kräftiger hochsetzen als in den letzten fünf Jahren, als es im Schnitt zwei Prozent jährlich waren. Boetius macht gestiegene Kosten für Arztbehandlungen und Arzneimittel für die Erhöhungen verantwortlich. Außerdem werde die Branche geänderte Rahmenbedingungen – vor allem die gestiegene Lebenserwartung – berücksichtigen.

Die Krise der Aktienmärkte hat dagegen kaum unmittelbare Auswirkungen auf die privaten Krankenversicherer (PKV), sagte Boetius. Nur Unternehmen, die „vielleicht in einer Panikreaktion“ alle Aktien verkauft hätten, könnten in ein paar Jahren Probleme bekommen: „Wenn sie jetzt alles in festverzinslichen Papieren mit niedrigem Zinssatz anlegen, haben sie bei wieder steigenden Zinsen enormen Abschreibungsbedarf. Das könnte bei manchem an die Substanz gehen.“

Zurzeit geht das Neugeschäft der privaten Krankenversicherer gut. Die DKV erwartet einen Zuwachs der Vollversicherten von 768 000 Ende 2001 um 16 000 oder 2,1 Prozent für 2002, deutlich über den 1,6 Prozent des Vorjahres. Einer der Gründe: Gesundheitsministerin Ulla Schmidt hatte angekündigt, dass sie die Versicherungspflichtgrenze von 3375 Euro auf 4500 Euro erhöhen will. Nur Angestellte, deren Monatsverdienst oberhalb dieser Grenze liegt, dürfen sich privat versichern, die anderen müssen in den gesetzlichen Kassen bleiben. Jetzt wechseln viele freiwillig bei den Kassen Versicherte noch schnell zu den PKV-Gesellschaften.

Gegen die Änderung der Pflichtgrenze läuft die Branche seit Monaten Sturm – offenbar mit Erfolg. Boetius, ein guter Kenner der Berliner Gesundheitspolitik, ist sich jedenfalls sicher, dass auch eine erneute rot-grüne Regierungskoalition die derzeitige Versicherungspflichtgrenze nicht in Frage stellen wird. „Ich glaube fest daran, dass es zu keiner Erhöhung der Versicherungspflichtgrenze kommt, egal welche Partei die Wahl gewinnt“, sagte er.

Für 2002 rechnet Boetius mit einer Steigerung der Beitragseinnahmen um drei Prozent auf 3,05 Mrd. Euro. Zurzeit ist das Unternehmen mit Hilfe der Unternehmensberatung McKinsey dabei, seine Kostenstruktur gründlich zu überprüfen. Ohne Entlassungen soll die Belegschaft im Innendienst – zurzeit 4500 Mitarbeiter – in den nächsten drei Jahren um zehn Prozent reduziert werden. Unter anderem strafft die DKV ihre Schadenbearbeitung und ändert dabei auch die von Kunden und Ärzten oft als kleinlich empfundene Prüfung der Rechnungen. Aufgeben will Boetius solche Prüfungen nicht, wohl aber anders gestalten. „Wir schießen nicht mehr mit Schrot, sondern mit Kugeln“, sagte er. Bei der personalintensiven manuellen Kontrolle will sich die DKV auf kostenträchtige Behandlungen konzentrieren, zum Beispiel Zahnimplantate. „In solchen Feldern bringt die genaue Rechnungskontrolle erhebliches Einsparpotenzial.“

Zitat:

„Die Unternehmen am Markt werden ihre Beiträge zweistellig anpassen“ – DKV-Chef Jan Boetius

Quelle: Financial Times Deutschland


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