Versicherer und Makler streiten um Inkasso

Von Herbert Fromme, Köln Eine heftige Auseinandersetzung hat sich zwischen großen Industrie-und Gewerbeversicherern und den Versicherungsmaklern entwickelt. Allianz, Axa und HDI haben Maklern Inkassovereinbarungen zur Unterschrift vorgelegt, weitere Versicherer bereiten die Einführung vor. Die meisten berufen sich dabei auf einen Leitfaden des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), den der GDV ohne Diskussion mit den Maklern herausgegeben hat.

Bei dem Streit geht es um viel Geld. Viele Makler ziehen Beiträge von Kunden ein und leiten sie nach Abzug der Provision, meistens 15 Prozent, an die Versicherer weiter. Gleichzeitig rechnen sie Schäden direkt mit den Kunden ab. Oft liegt das Beitragsgeld aber Wochen oder Monate zinsbringend bei den Vermittlern, ehe es beim eigentlichen Risikoträger ankommt. „Mehrere Hundert Millionen Euro EuroAußenstände“ seien so aufgelaufen, behaupten die Versicherer.

Gleichzeitig gibt es schwarze Schafe, vor allem kleinere Maklerfirmen, die von dem Inkassobargeldfluss buchstäblich leben – und bei vollständiger und schneller Abrechnung konkurs wären. Tatsächlich gibt es des öfteren Maklerinsolvenzen, wenn ein großer Versicherer nach Monaten oder sogar Jahren auf vollständige Abrechnung besteht.

Die Versicherer haben in den letzten Jahren in der Industrie-und Gewerbeversicherung hohe Verluste eingefahren. Marktanteile galten oft mehr als der Gewinn. Ein gutes Verhältnis zu den Maklern, die Volumen brachten, war bei dieser Geschäftspolitik äußerst wichtig. „Wir haben die Dinge vielleicht etwas zu lange schleifen lassen“, sagte Christian Hinsch, Vorstandsmitglied beim Haftpflichtverband der Deutschen Industrie (HDI) in Hannover.

Jetzt hat sich das Blatt gewendet. Seit Anfang 2001 ziehen die Preise für Industriedeckungen kräftig an, der 11. September hat den Trend noch verstärkt. Eigentlich profitieren auch die Makler davon, bei höheren Preisen steigen auch die Provisionen. Allerdings zieht die Assekuranz jetzt auch die Zügel im einst so lockeren Umgang mit den damals gehätschelten Vermittlern an. Das spüren nicht nur kleine, sondern auch große Vermittler wie die Marktführer Aon Jauch & Hübener und Marsh.

„Wenn wir eine Deckungszusage geben, stehen wir ab dem Moment im Risiko“, sagte Hinsch. Normalerweise ist das der Jahresanfang. Ab dann müsse der HDI bei Schäden zahlen – auch wenn der Beitrag des Kunden noch nicht eingegangen sei. „Mancher Beitrag kommt dann im Juni oder Juli, oder auch gar nicht, weil ein Kunde insolvent wird.“

Der HDI hat den Maklern deshalb eine neue Vereinbarung über Zahlungsbedingungen vorgelegt, die in den Augen der Vermittler inakzeptabel ist. So verlangt der HDI bei Verträgen mit mehr als 100 000 Euro Jahresbeitrag eine Abschlagszahlung in Höhe von 80 Prozent des zu erwartenden Beitrags. Frist: ein Monat nach Deckungszusage.

„Das können wir so nicht annehmen“, konterte Hans-Georg Jenssen, Geschäftsführer des Verbandes Deutscher Versicherungsmakler (VDVM). „Es dauert oft Monate, bis die Versicherer die eigentliche Police und eine Beitragsrechnung vorlegen. Wir fürchten, dass nach solchen Abschlagszahlungen diese Zeiten noch länger werden könnten.“

Auch Marktführer Allianz sorgt bei den Maklern mit einem neuen Vertragstext für Unruhe. Für Allianz-Policen sollen die Makler künftig ein eigenes Treuhandkonto einrichten. „Wenn sich das durchsetzt, muss ein großer Makler Dutzende solcher Konten einrichten, für jeden Versicherer eins“, sagte Jenssen. Kontentrennung zwischen Fremd-und Eigengeldern gebe es ohnehin. Aber für die Allianz soll das Sonderkonto dann genau nach deren Konzernvorschriften geführt werden. „Der Versicherer ist berechtigt, dem Vermittler im Zusammenhang mit der Durchführung dieser Vereinbarung jederzeit Weisungen zu erteilen“, heißt es barsch.

Außerdem behält sich der Marktführer vor, die Inkassovollmacht für den Makler jederzeit zu widerrufen. „Diesen jederzeit möglichen Widerruf können wir nicht hinnehmen“, sagte Makler-Funktionär Jenssen. Auch weitere Vorschriften, zum Beispiel Zahlungspflicht ohne vorherige Ausstellung von ordentlicher Police und Beitragsrechnung durch die Allianz, lehnt der VDVM ab.

„Wir haben hohe Außenstände bei den Maklern“, sagte ein Allianz-Sprecher, wollte aber keine Zahlen nennen. „Viele von ihnen haben eine schlechte Zahlungsmoral.“ Jetzt lege man eindeutige Regeln fest, die Klarheit für beide Seiten schaffen. Auch Jenssen ist für Regeln, wehrt sich aber gegen einseitige Festlegungen.

Zitat:

„Die neuen Bedingungen sind so nicht akzeptabel“ – Hans-Georg Jenssen

Quelle: Financial Times Deutschland


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