Die Gerling-Gruppe wird zerlegt

Von Herbert Fromme, Köln Die französische Rückversicherungsgruppe Scor will nach eigenen Angaben Teile der Gerling Globale Rück (GGR) kaufen. Offenbar gibt es in vielen Detailfragen aber noch keine Einigung. Beobachter vermuten, dass Scor die Übernahmeabsicht schon bekannt machte, um ein Gegengewicht zu ihren gestrigen schlechten Zahlen zu liefern. Der Halbjahresgewinn ist von 50 Mio. Euro auf 21 Mio. Euro eingebrochen.

Der Gerling-Konzern, den seine Aktionäre Rolf Gerling (65,5 Prozent) und Deutsche Bank (34,5 Prozent) nach schweren Turbulenzen als Ganzes verkaufen wollen, hat vorab die defizitäre Tochter GGR auf den Markt gebracht. Sie ist mit Prämien von 5,9 Mrd. Euro die Nummer sechs auf dem Weltmarkt, Scor mit 4,9 Mrd. Euro die Nummer sieben.

Scor-Chef Jacques Blondeau erklärte, er wolle die Erwerbung nur durchführen, „wenn wir im ersten Jahr schon damit Gewinn machen“. Das ist ein ehrgeiziges Ziel: Die GGR hat mit einem Verlust von 583 Mio. Euro im Jahr 2001 wesentlich zur Krise der Gerling-Gruppe beigetragen. Allerdings legte Gerling die Hauptverlustquelle inzwischen trocken. Das Schaden-und Unfall-Rückversicherungsgeschäft in den USA wurde Anfang August aufgegeben. Eine zentrale Frage in den Verhandlungen wird sein, welche Unternehmensteile der GGR Scor übernimmt. Auf jeden Fall wollen die Franzosen die lukrative Lebens-Rückversicherung und das konzerninterne Geschäft, das rund 15 Prozent der Prämien ausmacht. Aber sie könnten vor den teuren Altlasten zurückschrecken, die wohl noch im Londoner Geschäft stecken.

Insider halten die Aufgabe des britischen Schaden-und Unfallgeschäfts vor einem Verkauf für möglich, obwohl Konzernchef Heinrich Focke dagegen ist. Verständlich: Damit hätte die Gerling-Gruppe die eventuell kostspielige Abwicklung in London weiter am Bein. Focke möchte die Rück-Gruppe als Ganze verkaufen, wird sich aber möglicherweise den Realitäten beugen müssen. Vor allem die Deutsche Bank drückt aufs Tempo und setzt Focke unter Druck.

Für Scor stellt sich die Frage der Finanzierung des Deals. Dabei will das Unternehmen sein Rating von A+ bei Standard & Poor’s (S&P) unbedingt behalten. Für die Kunden der Rückversicherer, die Erstversicherer, ist dieses Gütesiegel von entscheidender Bedeutung. Im Juni dieses Jahres hatte S&P die Gerling Global Rück auf A-herabgestuft, das schlechteste Rating der zehn größten Rückversicherer. Scor will sich davon nicht anstecken lassen. Auch über den Preis gibt es noch keine Einigung. Es werde immer wieder eine Summe von 500 Mio. Euro genannt, aber das ist noch reine Spekulation.

Quelle: Financial Times Deutschland


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