Reeder fürchten Werftensterben in Deutschland

Von Katrin Berkenkopf, Hamburg Führende deutsche Reeder prognostizieren ein Massensterben deutscher Werften. Höchstens die Hälfte der gut ein Dutzend größeren Schiffbauer werde die nächsten Jahre überleben, so der Hamburger Containerreeder Claus-Peter Offen. Mit der billigen Massenproduktion in Asien könnten die Deutschen nicht mithalten, und in den Nischen gebe es nicht genug Arbeit für alle.

Offen selbst ist Anteilseigner bei der insolventen Flender Werft in Lübeck. Dem Unternehmen gibt er kaum Chancen, weiter als Schiffbauer sein Geld zu verdienen. „Es kommt der Zeitpunkt, an dem man einfach realistisch sein muss, und das heißt, es sind überhaupt keine neuen Aufträge in Sicht.“ Vielleicht könne die Werft künftig Windkraftanlagen produzieren.

Die Werft musste im Juni Insolvenz beantragen, nachdem der Bau zweier Schnellfähren für einen griechischen Auftraggeber zu massiven Verlusten geführt hatte. Aber auch ohne solche akuten Probleme stehen die deutschen Werften vor schweren Zeiten. Besonders im Containerbereich gibt es derzeit große Überkapazitäten. Aufträge für neue Schiffe können höchstens noch die asiatischen Werften, allen voran die in Südkorea, an Land ziehen.

An dieser Situation werde auch die mögliche Wiedereinführung von Subventionen nichts ändern, meint Offen. Die EU plant, als Antwort auf die ihrer Meinung nach unfaire Wettbewerbspraxis der Koreaner vom 1. Oktober an wieder Subventionen für europäische Werften zu erlauben.

Doch nach Angaben Offens kostet ein größeres Schiff mit Platz für 4000 Container, das auf dem Weltmarkt schon für 40 Mio. $ zu haben ist, in Deutschland rund 55 Mio. $. „Da nützen auch Subventionen nichts.“

Bernd Kortüm, Chef der Norddeutsche Vermögen, einem führenden Schiffsfinanzierer und Reeder aus Hamburg, glaubt, die deutschen Werften hätten den richtigen Zeitpunkt für Restrukturierungen verpasst. „Wenn man heute eine koreanische und eine deutsche Werft vergleicht, sprechen wir nicht über Wettbewerbsverzerrung, sondern über zwei völlig verschiedene Welten.“ Während auf den riesigen Anlagen in Asien bis zu 60 Schiffe im Jahr produziert werden, schafften deutsche Schiffbauer gerade einmal vier. „Umbau, Reparaturen und der Bau von Spezialschiffen, das sind die künftigen Nischen für die Deutschen.“

Doch in diesen Nischen sei nicht Platz für alle. Eigentümergeführte, mittelständische Werften wie die Meyer Werft in Papenburg hätten bessere Chancen, zu überleben, als die Großindustrie. Zu Letzteren gehören etwa die Aker Werft und die Kvaerner Warnow Werft, beide aus Mecklenburg-Vorpommern. Die düstere Prognose gilt nicht für Werften, die ihr Geld vor allem mit Kriegsschiffen verdienen, wie HDW in Kiel und Blohm + Voss in Hamburg.

„Die Frage ist, was wir uns den Erhalt unserer Werften kosten lassen wollen“, sagte Offen. „Wenn Eigentümer, Banken und öffentliche Hand die Flender Werft mit 30 Mio.Euro im Jahr unterstützen, dann kann es auch in Lübeck weiter Schiffbau geben.“

Auch die EU-Kommission glaubt, dass die europäischen Werften angesichts weltweiter Überkapazitäten im Schiffbau nicht aus reiner Tradition am Leben gehalten werden sollten. „Viele Länder sehen Werften als einen strategisch wichtigen Industriezweig, den man aus handels-und verteidigungspolitischen Erwägungen nicht aufgeben kann“, sagte Kommissionsmitglied Erkki Liikanen zur Eröffnung der weltgrößten Schiffbaumesse SMM in Hamburg. „Aber wir können wirtschaftliche Grundprinzipien nicht ignorieren.“ Die Zahl der Werftarbeiter in der EU sei seit 1975 von 400 000 auf 85 000 zurückgegangen. „Europa war in der Vergangenheit die wichtigste Schiffbauregion. Deshalb sind wir jetzt auch die ersten, die solche Probleme haben.“

Im letzten Jahr erwirtschaftete der deutsche Schiffbau noch Umsätze von 4,8 Mrd.Euro, 14 Prozent mehr als in 2000. 53 abgelieferten Seeschiffen standen allerdings nur Bestellungen für 17 Neubauten gegenüber. Da die Reeder mit Blick auf die schwachen Schifffahrtsmärkte gleichzeitig mehrere Aufträge stornierten, sank der Auftragsbestand von 10,6 Mrd.Euro auf 7,8 Mrd.Euro. Besser geht es den deutschen Schiffbauzulieferern. Sie sind mit Werften in aller Welt im Geschäft. Zwei Drittel ihres Umsatzes von rund 8 Mrd.Euro stammten 2001 aus dem Export.

Quelle: Financial Times Deutschland


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