Versicherungsratings führen in die Irre

Von Herbert Fromme, Köln Die meisten bestehenden Rating-Verfahren für Lebensversicherungen bieten statt Anlegerschutz nur „trügerische Sicherheit“, weil sie zu sehr auf die Rendite und zu wenig auf die Solidität der bewerteten Unternehmen setzen. Davon sind die Experten der Unternehmensberatung McKinsey überzeugt. Die Ratings fördern ihrer Ansicht nach sogar aggressiveres Kapitalanlageverhalten der Versicherer. Zahlreiche Unternehmen haben ihre Aktienbestände in der Hochmarktphase ausgebaut – das ist zum großen Teil für die jetzigen Probleme einiger von ihnen verantwortlich.

Mancher Versicherer, so Oliver Bäte und Per Ole Richter in einer neuen Studie, hat seine Geschäftspolitik ausdrücklich darauf ausgerichtet, in den Ratings vorne zu landen – „komme, was wolle“, ohne die Risiken ausreichend zu berücksichtigen.

Vor allem für Gesellschaften, die mit Direktvertrieb arbeiten oder vom Maklerkanal abhängen, sind gute Werte in den veröffentlichten Rennlisten Gold wert. „Nahezu ausnahmslos haben Unternehmen mit sehr guten Rating-Ergebnissen in den vergangenen Jahren stets überdurchschnittliche Zuwächse bei den Beitragseinnahmen erzielt. Sie konnten in der Folge ihre Marktanteile kontinuierlich zu Lasten weniger gut bewerteter Mitbewerber ausbauen“, schreiben die Autoren. Bäte ist Principal im Kölner Büro von McKinsey, Richter arbeitet als Research Expert in der Hamburger Niederlassung.

„Betrachtet man die heutigen Rating-Systeme der führenden deutschen Agenturen, so fällt auf, dass alle Verfahren, mit Ausnahme des Assekurata-Ratings, große Lücken bei den,Sicherheitskennzahlen‘ aufweisen“, glauben die Autoren. Dieser Trend werde noch verstärkt durch die sehr hohe Gewichtung von Kapitalanlagerenditen, Vergangenheitsrenditen und Leistungsprognosen in der Gesamtbeurteilung. Das betreffe vor allem Finanztest, Map-Report und Morgen & Morgen (M&M) – renommierte Rating-Agenturen, deren Ergebnisse unter anderem in den Zeitschriften „Finanztest“, „DM Euro“ und „Capital“ veröffentlicht werden. Damit treffen sie den Nerv des Publikums, glaubt McKinsey. „Sie bestätigen bestehende Renditeerwartungen und fördern entsprechend aggressive Anlagepräferenzen.“ Gleichzeitig werden objektiv bestehende Risiken systematisch ausgeblendet.

Das gilt vor allem für die erhöhte Volatilität bei Aktien und Fondsanlagen, die wachsenden Risiken in der Produktgestaltung bei Renten-und Berufsunfähigkeitstarifen, und die Risiken aus langen Laufzeiten, etwa bei Rentenpolicen.

„Es stellt sich die Frage, ob die konsequente Ausrichtung von Geschäftsstrategie und Anlageverhalten auf die Anforderungen der Rating-Systeme – wie sie von einzelnen Lebensversicherern praktiziert wird – nicht einen hohen Preis darstellt für die (nur so erreichbaren) Spitzenplatzierungen“, mahnen die Autoren. Dabei nennen sie als Beispiel die Hannoversche Leben: Obwohl sich bei steigender Anlage in Aktien wichtige Bilanzkennzahlen wie Bewertungsreserven und Kapitalanlagerendite seit 1997 verschlechtert hatten, wurde das Unternehmen in 2000 von Map noch als gut (mm) und von Morgen & Morgen sogar als sehr gut (5 Sterne) bewertet.

Rendite-und Kostenkennzahlen seien bei beiden Systemen übergewichtet: Die Renditen mit 55 Prozent (Map) und 30 Prozent (M&M), die Kosten mit 16 Prozent (Map) und 25 Prozent (M&M). Sicherheitskennzahlen würden dagegen klar schwächer gewichtet.

Außerdem trügen die langen Betrachtungsintervalle und die Addition von Einzelbewertungen zu Verzerrungen bei. Schlechte Punktwerte bei „kritischen“ Kennziffern führen nicht automatisch zu einer Abwertung, sondern können durch gute Ergebnisse bei anderen Kennziffern kompensiert werden. „Als Orientierungsrahmen für Lebensversicherungskunden und Vermittler sind und bleiben Ratings unverzichtbar“, sind Bäte und Richter überzeugt. Dafür müssten die auf Sicherheit orientierten Kennzahlen stärker gewichtet und Trends auf Unternehmens-und Branchenebene einbezogen werden.

Zitat:

„Ratings fördern aggressiveres Kapitalanlageverhalten der Versicherer“ – McKinsey

Quelle: Financial Times Deutschland


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