Die Neigung zum russischen Roulette

Von Herbert Fromme, Köln Keinerlei Aufweichungstendenzen im harten Rückversicherungsmarkt sieht die Swiss Re, die Nummer zwei im Weltmarkt. „Wir bleiben ganz klar auf Kurs und sehen das auch bei unseren Wettbewerbern so“, sagte Michel M. Liès, seit 1. Juli Vorstandsvorsitzender der Swiss Re Germany AG. Von niedrigeren Preisen oder weicheren Bedingungen könne nicht die Rede sein, sagte Liès im Interview mit der Financial Times Deutschland. „Für einige Kunden bringt das natürlich Probleme“, weiß er. „Die haben ein festes Budget für Rückversicherung und sagen jetzt, wir können das nicht erhöhen, auch wenn die Preise steigen.“ Die Konsequenz: Teile der Risiken bleiben ohne Rückdeckung, das Unternehmen hofft, dass schon alles gut gehen wird – andernfalls steht seine Existenz auf dem Spiel

„Wir sehen bei einigen Märkten eine Tendenz zum russischen Roulett“, sagte Liès, der für den gesamten Swiss-Re-Konzern das Geschäft Schaden/Unfall für Europa leitet. Manche Kunden würden die Risiken im Eigenbehalt, ohne eine ordentliche Risikomanagement-Studie, durchgeführt haben. „Da schauen Unternehmen nur auf die Liquidität und haben Risiken, die ihren Untergang bedeuten könnten.“

Diese Entwicklung gebe es nicht nur im Verhältnis von Erstversicherern zu Rückversicherern. Auch auf der Ebene Industrie zu Erstversicherer gebe es Kunden, die sich ihre wahre Exponierung nicht klar machten, nur vom Preis her argumentierten und dann überhöhte Risiken auf eigene Rechnung behielten.

Das Ziel der Swiss Re und anderer Rückversicherer sei klar: Die so genannte Combined Ratio, die Schaden-Kostenquote, müsse auf 100 Prozent gedrückt werden – Versicherer und Rückversicherer wollen nicht mehr für Schäden und Kosten aufwenden als sie an Beitragseinnahmen aufweisen.

Dabei bleiben die Kapitalerträge außen vor. Aber genau von diesen Erträgen hat die Branche jahrelang gut gelebt und deshalb auch Geschäfte zu Bedingungen in die Bücher genommen, die zu Combined Ratios deutlich über 100 Prozent geführt haben.

Raus aus dem Teufelskreis

Das galt vor allem für Deckungen mit sehr langen Abwicklungszeiträumen, etwa der Haftpflichtversicherung. Hier dauert es oft 10, 20 oder mehr Jahre, bis Schäden bezahlt werden müssen – in der Zwischenzeit wird die schon lange geflossene Prämie jedenfalls zum Teil angelegt. „Wir haben uns als Branche das vielleicht etwas leicht gemacht. Bei diesem so genannten Long-Tail-Geschäft waren wir bereit, höhere Combined Ratios zu akzeptieren. Andererseits waren wir nicht immer so schnell in der Erledigung der Schäden, wie wir hätten sein können“, räumte Liès ein. Das habe sich als Teufelskreis erwiesen. Heute, nach dem Einbruch der Kapitalmärkte, sei klar, dass die Rechnungen nicht aufgehen. „Jetzt gibt es eine einfache Botschaft für die Kunden: eine Combined Ratio von 100 Prozent ist ein Muss für die gesamte Versicherungs-und Rückversicherungsbranche.“

Im Jahr 2001 lag diese Quote bei der Swiss Re noch bei stolzen 132,3 Prozent. Allerdings war in dieser Zahl der Milliardenschaden aus dem World Trade Center enthalten. Auch im ersten Halbjahr wirkte der Schock noch nach: Das Unternehmen verdiente nur noch 118 Mio. Franken nach Steuern. Im Vergleichszeitraum 2001 waren es 1,345 Mrd. Franken.

Die Swiss Re leidet nicht nur unter den hohen Schadenzahlungen, sondern in erster Linie unter der schwachen Verfassung der Aktienmärkte. Wegen des Kurseinbruchs an den Börsen musste sie Abschreibungen auf Aktien in Höhe von 917 Mio. Franken hinnehmen. Das Ergebnis aus Anlagen ging von 3,93 Mrd. Franken auf 2,60 Mrd. Franken zurück.

Weitere Preiserhöhungen nötig

Da ist es wenig beruhigend für Anleger, dass die Swiss Re ein verbessertes Ergebnis im eigentlichen Versicherungsgeschäft vorlegen konnte. In der Schaden-und Unfallrückversicherung verbesserte sie die Combined Ratio von 113 Prozent auf 104 Prozent. Aber selbst dieser Sprung reichte nicht aus, um den Einbruch bei den Kapitalerträgen auszugleichen. Kann es sein, dass die Preise gar nicht schnell genug steigen können, um den Ertragseinbruch im Anlagebereich auszugleichen?

„Wir haben natürlich seit langem gewusst, dass man nicht ewig von einem Börsenboom leben wird, dass im Kerngeschäft wieder ordentliche Erträge sein müssen“, sagte Liès. Schon seit dem Sturm Martin 1999 sei das klar gewesen. Leider habe es aber eine Zeit gedauert, bis entsprechende Erhöhungen durchgesetzt werden konnten. Dabei war der 11. September „ein großer Beschleuniger, aber nicht der Auslöser“, sagte er.

„Natürlich dauert es eine Weile, bis sich höhere Preise in unserem versicherungstechnischen Ergebnis widerspiegeln“, sagte Liès. „Aber ich bin sicher, dass unser zweites Halbjahr technisch noch deutlich besser wird als das erste Halbjahr.“ Außerdem werde das Niveau der Preiserhöhungen, die in den nächsten Wochen für die Verträge des Jahres 2003 ausgehandelt werden, „bestimmt nicht unter denen des Vorjahres liegen“.

Den harten Kurs hatte Swiss-Re-Konzernchef Walter Kielholz im September beim Rückversicherungs-Kongress in Monte Carlo vorgegeben. „Wir müssen die Preise erhöhen, und wir müssen uns gegen unberechtigte Ansprüche wehren, darüber herrscht Konsens“, sagte Kielholz. Es gebe vermehrt den Trend zur „dreisten Ausplünderung“ der Versicherungsbranche. „Dagegen müssen wir massiv aufrüsten, auch im Interesse unserer Kunden, die normale Schäden und eine gute und korrekte Schadenabwicklung haben.“

Beschwerden der Industrie über die Preiserhöhungen finden Kielholz und Liès nicht berechtigt: „Die Versicherungskosten sind für die meisten Branchen doch sehr gering. Die Airlines zahlen kaum mehr für die Versicherung als für die Brötchen.“

Zitat:

„Eine Combined Ratio von 100 Prozent ist ein Muss“ – Michel Liès, Swiss Re

Quelle: Financial Times Deutschland


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