Gerling-Rückzug beherrscht Marktdiskussion

Von Herbert Fromme, Köln Mit dem faktischen Marktaustritt der Gerling Globale Rück (GGR) hat die lang erwartete weitere Konsolidierung des globalen Rückversicherungsmarktes begonnen. Das Schicksal der GGR hat einen unmittelbaren Einfluss auf die Verhandlungen für die Verträge des Jahres 2003, die in dieser Woche in Baden-Baden stattfinden. Industrie und Erstversicherer haben schlechtere Karten, die Rückversicherer ein weiteres Argument auf ihrer Seite.

In den letzten Monaten hatten schon mehrere kleine Gesellschaften das Geschäft eingestellt, zum Beispiel Overseas Partners oder Scandinavian Re. Andere wurden insolvent, darunter die japanische Taisei Fire & Marine.

Mit der GGR nimmt die weltweite Nummer sechs mit einem Prämienvolumen von 5,9 Mrd. Euro effektiv ihren Abschied. Teile des Geschäfts werden im Markt bleiben – so interessiert sich die Hannover Rück für die Lebensrückversicherung des Kölner Konzerns, andere Unternehmen werden kleinere Portefeuilles kaufen. Aber der größte Teil des Geschäfts wird in die geordnete Abwicklung gehen, den Run-off.

Die Rückversicherer werden das als weiteren Beleg für die Kapazitätsknappheit anführen, die sich schon in der Erneuerungsrunde für 2002 zeigte. Sie wollen die Preise weiter steigern und die Selbstbehalte bei ihren Kunden erhöhen.

Die Erstversicherer dagegen argumentieren damit, dass schon in den Verhandlungen für 2002 kräftige Preisanpassungen nach oben vorgenommen wurden. Außerdem haben die Rückversicherer große Risikobereiche, wie etwa die Terrordeckung, ausgeschlossen.

Weitreichende Folgen

Der Ausgang dieser Verhandlungen trifft nicht nur die beiden beteiligten Seiten, sondern auch Industrie, Gewerbe und Privatleute – die selbst kaum jemals direkten Kontakt zu Rückversicherern haben. Ein deutscher Autofahrer, der seinen Pkw versichert, ein amerikanischer Hausbesitzer, der sich gegen Sturm-und Feuerschäden absichern will, ein japanischer Geschäftsmann beim Abschluss einer Gebäudeversicherung mit Erdbebenschutz – alle haben indirekt mit Rückversicherern zu tun. Diese nehmen den Erstversicherern einen Teil der Risiken ab und erhalten dafür einen Teil der Prämien. An den Schäden sind sie entsprechend beteiligt.

Viele Risiken sind ohne Rückdeckung nicht versicherbar. Dazu gehören nicht nur Schäden aus Naturkatastrophen, sondern auch normale Stürme, Hagelschauer oder Großfeuer. Indem sie von den Erstversicherern einen Teil des Risikos übernehmen und selbst teilweise an andere weitergeben, streuen die Rückversicherer Risiken weltweit. So führte auch der Megaschaden World Trade Center, der auf 40 bis 60 Mrd. $ geschätzt wird, nicht zum Zusammenbruch des Versicherungssystems, wenn auch zu einer deutlichen Belastung für einzelne Gesellschaften. Rückversicherer sorgen außerdem dafür, dass Erstversicherer trotz ihrer oft knappen Eigenkapitalbasis wachsen können. Das ist gerade in Deutschland mit seinem zersplitterten Markt, in dem die notorisch kapitalschwachen Gegenseitigkeitsvereine eine große Rolle spielen, besonders wichtig.

Seit etwa zwei Jahren steigen die Preise. Der 11. September 2001 hat diesem Trend einen gewaltigen Schub gegeben. Trotzdem geht es den Rückversicherern offenbar nicht gut: Die Aktienkurse von Münchener Rück und Swiss Re, den beiden Marktführern, sind seit Jahresanfang heftiger als der Markt gefallen. Dasselbe gilt beispielsweise für den französischen Konkurrenten Scor.

Die Situation der Branche wird durch eng miteinander verwobene Trends bestimmt – hohe Großschäden, eine miserable Kapitalmarktentwicklung und das Hochkommen gigantischer Belastungen aus früheren Jahren – die Rechnung für die jahrelange Vernachlässigung der eigentlichen Versicherungstechnik zugunsten reinen Volumendenkens.

In den 90er Jahren waren Rückversicherer bereit, Risiken auch zu zeichnen, wenn sie in der eigentlichen Versicherungstechnik einen Verlust brachten. Die an den Kapitalmärkten erzielten Gewinne glichen diese Defizite mehr als aus.

Deutliches Umdenken

Vor zwei Jahren begannen zumindest die Marktführer umzudenken. Sie wurden misstrauisch gegenüber der Aktienblase und begannen, sich auf niedrigere Erträge aus ihren Kapitalanlagen einzustellen. Möglicherweise war es da schon zu spät. Denn die Gewinne aus den Kapitalanlagen gehen schneller zurück als erwartet. Zum Beispiel der Weltmarktführer Münchener Rück: Wegen der schlechten Verfassung der Börsen musste die Gruppe im ersten Halbjahr 2002 Wertberichtigungen auf Aktien und andere Papiere in Höhe von 1,5 Mrd. Euro vornehmen. Zwar verbesserten sich gleichzeitig die Preise im eigentlichen Versicherungsgeschäft. Die zentrale Frage ist, ob diese Verbesserungen mittelfristig ausreichen, den Druck bei den Kapitalanlagen auszugleichen.

Dazu kommen die Altlasten, die die Münchener Rück wie andere in ihren Büchern hat. Vor allem die US-Tochter American Re hatte in der zweiten Hälfte der 90er Jahre relativ sorglos problematisches Geschäft gezeichnet, darunter auch viele Rückdeckungen von alten Asbestlasten. Deshalb musste die Münchener Rück in diesem Jahr erneut 2 Mrd. Euro zur Sanierung der problembeladenen American Re aufbringen. Als wenn es nicht gereicht hätte, dass die Münchener Rück ihre Rückstellungen für Schäden aus dem World Trade Center um 500 Mio. $ auf 2,6 Mrd. $ erhöhen musste.

Kein Wunder, dass die Rating-Agenturen Moody’s und Fitch die Münchener Rück abgewertet haben, eine schmerzhafte Erfahrung für das erfolgverwöhnte Münchner Management. Völlig bizarr wird die Lage dadurch, dass der Konzern trotz allem einen Rekordgewinn für 2002 vorlegen wird: Schon im ersten Halbjahr erzielte die Münchener Rück ein Plus von 4,098 Mrd. Euro, mehr als dreimal so viel wie im Vergleichszeitraum 2001. Der Anstieg stammt vor allem aus Sondererträgen in Höhe von 4,669 Mrd. Euro, die aus der Neuordnung der Beteiligungen mit der Allianz herrühren, sind also ein einmaliger Faktor.

Ganz anders der enge Rivale Swiss Re, der solche Sondererträge nicht aufweisen kann. Das Unternehmen verdiente in den ersten sechs Monaten nur noch 118 Mio. Franken. Im vergleichbaren Zeitraum 2001 waren es 1,345 Mrd. Franken. Vor allem Abschreibungen auf Aktien in Höhe von 917 Mio. Franken wirkten sich negativ aus. „Jetzt fehlt der Puffer, den der gute Aktienmarkt lieferte“, argumentiert Elisabeth Farrell von der US-Rating-Agentur A.M. Best. „Außerdem sind die Zinsen niedrig. Jetzt kommt es entscheidend darauf an, dass die Rückversicherer die richtigen Preise fordern.“ Das gelte vor allem für kleinere Gesellschaften, die nicht so große Polster haben.

Lange Hochmarktphase?

Die großen Player der Branche sind von einer längeren Hochmarktphase überzeugt. Die Münchener Rück will in der laufenden Vertragsrunde zum 1. Januar 2003 zweistellige Preiserhöhungen durchsetzen. Im vergangenen Jahr waren die Preise im Industriegeschäft in manchen Fällen sogar verdoppelt worden, in der Standardrückversicherung stiegen sie um 20 bis 40 Prozent.

Finanzchef Jörg Schneider ist resolut: Die Münchener Rück wolle eine Schaden-und Kostenquote von 100 Prozent durchsetzen, also nicht mehr für Schäden plus Kosten aufbringen, als sie an Prämien einnimmt. „Geschäft, das ein solches Ergebnis nicht hergibt, werden wir im Regelfall nicht abschließen beziehungsweise kündigen.“ Schon 2003 sollen die 100 Prozent konzernweit erreicht sein, sagte Vorstand Clement Booth. Auch die Swiss Re hat dieses Ziel ausgegeben.

Wie lange wird die Front der Rückversicherer halten? Allzu oft in den letzten Jahren ist den Treueschwüren ein opportunistisches Marktverhalten gefolgt. Die Analysten von Moody’s sind da skeptisch. Sie glauben zwar auch an höhere Preise für 2003 und bessere operative Ergebnisse der Rückversicherer. „Aber danach gibt es eigentlich keine Anstöße mehr für weitere Preiserhöhungen, wenn es nicht zu einem großen Katastrophenschaden kommt“, argumentiert Moody’s. Mittelfristig werden Rückversicherer sogar durch neue Wettbewerber und alternative Produkte erheblich unter Druck kommen, glauben die Analysten.

Zitat:

„Wir werden unzureichendes Geschäft kündigen oder nicht abschließen“ – Jörg Schneider, Münchener Rück

 

Quelle: Financial Times Deutschland


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