Gothaer verteidigt Pensionskassen

Leben-Chef Wagener wehrt sich gegen Bankenvorstoß “ Kölner Gruppe setzt auf Kunden aus dem Einzelhandel

Von Anja Krüger und Herbert Fromme, Köln So deutliche Worte sind selten aus den Vorstandsetagen deutscher Versicherer zu hören. Für „absolut falsch“ hält der Gothaer Leben-Chef Martin Wagener die Idee, für Pensionskassen die Pflichtmitgliedschaft im Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) einzuführen. Dieser Vorschlag wurde aus Bankenkreisen lanciert, glaubt Wagener. Die Kreditinstitute wollten so ihre eigenen Produkte interessanter machen.

Pensionskassen gehören neben Pensionsfonds und Direktversicherungen – einer Lebensversicherungspolice auf Rentenbasis – zu den Formen der betrieblichen Altersversorgung (BAV), die nach der Rentenreform staatlich gefördert werden. Weil Pensionsfonds mehr Kapital in Aktien investieren dürfen als Pensionskassen, müssen Arbeitgeber für sie Beiträge an den PSV zahlen, der im Konkursfall die Renten übernimmt. Die PSV-Beiträge werden von Experten als ein wichtiger Grund dafür genannt, dass sich bislang die hohen Erwartungen von Bundesregierung und Finanzdienstleistern an die Pensionsfonds nicht erfüllt haben.

Ein vom PSV selbst in Auftrag gegebenes Gutachten der beiden Betriebsrentenexperten Klaus Heubeck und Wolfgang Gerke fordert, auch Pensionskassen PSV-beitragspflichtig zu machen. „Ich hoffe sehr, dass das nicht passieren wird, weil ich das für unsinnig halte“, sagte Wagener. Der Vorschlag komme von jenen, die nicht rechtzeitig im Markt waren und auf Pensionsfonds setzen oder keine Pensionskasse in Reichweite haben – den Banken. „Auch die Gutachter haben eigene Interessen“, sagte er. „Sie präferieren Pensionsfonds, weil dort ihre Tätigkeit eher gefragt ist.“

Die Kosten für die PSV-Mitgliedschaft betragen etwa ein halbes Promille auf das Deckungskapital. Die müsste der Arbeitgeber übernehmen. Das sei nicht einzusehen, meint Wagener. Schließlich unterlägen Pensionskassen derselben Aufsicht wie Lebensversicherer und würden an denselben Sicherheitskriterien gemessen.

Die Gothaer ist mit ihrer Pensionskasse bislang gut im Geschäft. Sie war früh am Markt – nur die Allianz war schneller, aber nur, weil sie ihre eigene Unternehmenspensionskasse für Außenstehende geöffnet hat. Bei der Ausschreibung der Lufthansa zum Beispiel bekam die Gothaer gegen heftige Konkurrenz der Axa den Zuschlag, weil ihre Pensionskasse bereits genehmigt war.

Bislang sind bei der Pensionskasse der Gothaer 85 000 Personen versichert, bis zum Ende des Jahres sollen es 100 000 werden. Das Beitragsvolumen soll dann bei 25 Mio. Euro liegen. Viele Kunden kommen aus dem Einzelhandel, darunter Ikea und Aldi Süd. Die tarifgebundenen Arbeitgeber im Einzelhandel unterstützen die Altersversorgung ihrer Beschäftigten mit 300 Euro jährlich, die teilweise mit bisherigen vermögensbildenden Leistungen verrechnet werden.

Die Gothaer hat dieselbe Erfahrung gemacht wie andere Finanzdienstleister: Private Altersversorgung lässt sich in den Betrieben noch schlecht verkaufen, selbst wenn die Mitarbeiter vom Arbeitgeber einen Zuschuss bekommen. Bei einem süddeutschen Unternehmen mit 6000 Mitarbeitern zum Beispiel mussten die Beschäftigten einen Antrag auf die arbeitgebergeförderte Altersversorgung stellen. „Die Ausschöpfungsquote betrug nur 30 Prozent“, berichtete Wagener.

Einzelhandelsketten wie Aldi Süd dagegen verzichten auf die Antragsprozedur und führen für die gesamte Belegschaft Beiträge an die Pensionskasse ab. Der Verwaltungsaufwand für den Versicherer ist minimal. Er bekommt sämtliche erforderlichen Personaldaten, gibt sie in sein EDV-System ein und policiert.

Auch in anderen Bereichen der betrieblichen Altersvorsorge sieht Wagener die Gothaer gut aufgestellt. Ende August lag das Neugeschäft bei 70 Mio. Euro Neugeschäftsbeitrag, so viel wie im gesamten Vorjahr. Wagener glaubt, dass seine Gruppe besser auf die neuen, höheren Anforderungen bei der betrieblichen Altersversorgung eingestellt ist. Der Vertriebsaufwand müsse halbiert, die Verkaufskonzepte verändert werden. „Wir haben standardisierte Verfahren entwickelt, um in den Betrieben die zweite Tür zu öffnen“, sagte er. Die Gothaer setzt auf die Kombination der Beratung durch einen Vermittler vor Ort, Informationen im Internet und Callcenter für Abschlüsse.

Zitat:

„Der Verkaufsaufwand für die BAV muss halbiert werden“ – Martin Wagener

Bild(er):

Gothaer-Vorstand Martin Wagener hält die geforderte Einbeziehung der Pensionskassen in den Pensions-Sicherungs-Verein für „absolut falsch“ – Jürgen Schwarz.

Quelle: Financial Times Deutschland


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