Kassenärzte fordern Opfer von den Patienten

Standesvertreter wollen mehr Geld für Medikamente verlangen

Von Philipp Jaklin, Berlin, und Ilse Schlingensiepen, Köln Allen Sparbemühungen von Bundesregierung und Krankenkassen zum Trotz wollen die Kassenärzte für mehrere Milliarden zusätzlich Arzneimittel verschreiben. „Rund 3 Mrd. Euro“ mehr für Medikamente seien nötig, sagte gestern Leonhard Hansen, Vizechef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), in Berlin. Aufkommen sollen dafür nach Vorstellung der Standesvertreter vor allem die Patienten.

Die Ankündigung kommt einer Kriegserklärung an Gesundheitsministerin Ulla Schmidt gleich. Ziel der SPD-Politikerin ist es, die steigenden Gesundheitskosten vor allem mit Einsparungen bei Arzneimitteln in den Griff zu bekommen. Unter anderem wegen immer höherer Ausgaben für Pillen werden die Kassenbeiträge spätestens zum Jahreswechsel wohl auf bis zu 14,4 Prozent steigen.

Bundesweit hatten die Kassenärzte zuvor zugesagt, die Arzneimittelausgaben um fünf Prozent zu senken. „Das werden wir definitiv nicht einhalten können“, sagte Hansen. Die KBV befürwortet ein Modell, wonach Kassen nur noch die billigsten Arzneien eines Wirkstoffs bezahlen würden. Für teurere Produkte müssten Patienten erheblich draufzahlen.

Kassenvertreter kritisierten den Ärztevorstoß. „Das ist der Versuch, die Verantwortung für die nicht erreichten Einsparziele zu verschleiern“, so ein Sprecher des Bundesverbands der Allgemeinen Ortskrankenkassen. „Die Versicherten müssten unkalkulierbar dazu zahlen“, sagte Wolfgang Schmeinck, Chef des Betriebskrankenkassen-Verbands.

Der mangelnde Spareifer dürfte den Unmut der Bundesregierung über die Ärztefunktionäre verstärken. Gegenstand der laufenden rot-grünen Koalitionsverhandlungen wird voraussichtlich auch noch sein, wie sich die Kassenärztlichen Vereinigungen entmachten lassen.

Grund für die steigenden Kosten sind nach Aussage von Ärztevertretern immer teurere Präparate für die Behandlung schwerster Krankheiten wie Krebs, Multiple Sklerose oder Aids. Aber auch die Preispolitik der Pharma-Industrie machen die Ärzte für den Trend verantwortlich.

Quelle: Financial Times Deutschland


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