Kaum am Roulettetisch und doch hohes Risiko

Rückversicherer in Baden-baden

Das Rückversicherungstreffen in dieser Woche gehört zu den merkwürdigsten Konferenzen im Jahr. Es gibt kein Auditorium, keine Redner, keine Tagesordnung. Stattdessen treffen sich die mehr als 1000 Teilnehmer im Halbstunden-Rhythmus zu intensiven Verhandlungsrunden in Zweier-oder Viererrunden. Dafür haben sie in den Cafés und Konferenzzimmern der Baden-Badener Luxushotels Tische reserviert, mit Wimpeln oder Namensschildern gekennzeichnet. Alle 30 Minuten füllen sich die Lobbies mit zahlreichen Managern, die zum nächsten Termin im selben oder ein anderes Hotel eilen.

Die Rückversicherer treffen sich weltweit zweimal im Jahr: Im September in Monte Carlo und in der letzten Oktoberwoche in Baden-Baden. An der Côte d’Azur diskutiert die Branche die allgemeine Situation, es gibt zahlreiche Empfänge und einen offiziellen Kongress. In Baden-Baden herrscht eine reine Arbeitsatmosphäre. Die Zahl der Partys ist überschaubar, selten wird ein Rückversicherer im Kasino gesichtet. Die am Verhandlungstisch offenbarten Risiken scheinen auszureichen. Hier führt man konkrete Vertragsverhandlungen und tätigt auch schon den einen oder anderen Abschluss. Die meisten Verträge werden dann allerdings erst im Dezember geschlossen.

Das Treffen in dem süddeutschen Kurort geht auf die jährlichen Zusammenkünfte des Deutschen Transportversicherungsverbandes (DTV) zurück. In den 50er Jahren begannen die Manager der Mitgliedsunternehmen, sich Ende Oktober in Baden-Baden zu treffen. Im Anschluss verhandelten die ohnehin international arbeitenden Transportversicherer mit den Rückversicherern über die Konditionen für die jährlich fälligen Vertragserneuerungen.

Der DTV – inzwischen ist er längst im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft aufgegangen – beschloss 1978, seine Jahrestreffen auf den Frühsommer zu verlegen. Das war für die Rückversicherer unpraktisch, so früh im Jahr führt man keine Verhandlungen. Deshalb blieben sie bei dem Oktobertermin. Jahrelang fungierte die Colonia, später Axa, als inoffizielle Organisatorin der Veranstaltung. Die Tätigkeit bestand im Wesentlichen aus dem Buchen der Hotels und der Zusammenstellung einer Teilnehmerliste. Inzwischen gibt es keinen Organisator mehr.

Das Treffen funktioniert trotzdem. Versicherer, Rückversicherer, Makler, Berater und Versicherungseinkäufer großer Industriekonzerne treffen sich weiterhin in der letzten Oktoberwoche.

Herbert Fromme .

Quelle: Financial Times Deutschland


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