Allianz schließt Jahresverlust nicht aus

Rekorddefizit im dritten Quartal “ Dresdner Bank, Abschreibungen und Schäden schlagen negativ zu Buche

Von Herbert Fromme, München Der Allianz-Konzern hat im dritten Quartal das schlechteste Ergebnis seiner jüngeren Geschichte eingefahren. Der Verlust von 2,5 Mrd. Euro führte zu einem negativen Ergebnis von 924 Mio. Euro für die ersten neun Monate. Vorstandschef Henning Schulte-Noelle sieht aber im vierten Quartal schon wieder einen Aufwärtstrend – trotz des Sturms „Jeanett“, der rund 80 bis 90 Mio. Euro kostet, und trotz des möglichen weiteren Abschreibungsbedarfs auf Aktien, den Finanzvorstand Helmut Perlet auf 500 bis 600 Mio. Euro beziffert.

Schulte-Noelle wollte nicht ausschließen, dass Deutschlands größter Versicherungskonzern für das volle Jahr 2002 einen Verlust melden muss. Er wagte keine Prognose. „Dafür sind die Märkte zu volatil.“ Das Unternehmen strebt auf jeden Fall die Zahlung einer Dividende in Vorjahreshöhe – 1,50 Euro pro Aktie – an. „Im neuen Geschäftsjahr 2003 werden dann die positiven Tendenzen eindeutig die Oberhand gewinnen und zu einer nachhaltigen Ergebnisverbesserung führen“, sagte er.

Für die negativen Zahlen im dritten Quartal nannten Schulte-Noelle und Perlet drei Gründe. Die Allianz schrieb allein in diesen drei Monaten ihren Aktienbestand um 1,7 Mrd. Euro ab. „Der Dax ist nur in diesem Zeitraum um 37 Prozent gefallen“, sagte Perlet. Der Konzern wurde außerdem mit 1,4 Mrd. Euro durch Großschäden im Versicherungsgeschäft getroffen. Die Jahrhundertflut kostet die Allianz netto, also nach Erstattungen der Rückversicherer, 664 Mio. Euro. Bei der US-Tochter Fireman’s Fund musste sie die Schadenreserven für Altlasten aus Asbest-und Umweltfällen um 762 Mio. Euro stärken. Der Bankbereich, im Wesentlichen die Dresdner Bank, erlitt „wegen der schwierigen Wirtschaftslage“ einen Verlust von 972 Mio. Euro. Die Allianz-Aktie legte nach Veröffentlichung der Zahlen kräftig zu und schloss bei 105,00 Euro, einem Plus von 8,1 Prozent. Offenbar gehen viele Anleger davon aus, dass die Allianz alle schlechten Nachrichten in das dritte Quartal gepackt hat und es ab jetzt nur noch aufwärts gehen kann.

Konzernchef Schulte-Noelle nutzt die Lage für ein strenges Sparprogramm. „Solche krisenhaften Zuspitzungen haben ja auch ihr Gutes“, sagte er. Jetzt gelte die Devise „back to basics“. „Alle Fachbereiche sind angehalten, Kosten abzusenken.“ Das gelte auch für die Hauptverwaltung. Eine Reduzierung der Mitarbeiterzahl sei nicht auszuschließen.

Das Wachstum im Kerngeschäft Versicherung werde die Allianz aber weiter fördern – auch durch die Ausgabe von zwei Anleihen, die 2 Mrd. Euro in die Kasse bringen sollen. Vorstandsmitglied Paul Achleitner gab außerdem ein Umtauschangebot an die Besitzer von stimmrechtslosen Allianz-Genussscheinen bekannt. Acht Genussscheine können in zehn Aktien getauscht werden, das entspricht einer Prämie von 18,5 Prozent. Kündigen will die Allianz die Genussscheine aber nicht. Durch die Maßnahme könnte sich das von der Finanzaufsicht für die Solvabilitätsberechnung anerkannte Kapital der Allianz um bis zu 720 Mio. Euro erhöhen. Für eine Kapitalerhöhung sieht Schulte-Noelle zunächst keinen Bedarf.

Die Serie negativer Ereignisse verdecke deutliche operative Verbesserungen, sagte Perlet. Die Schaden-und Kostenquote sei in der Schaden-und Unfallversicherung von 104,4 Prozent auf 101,5 Prozent der Beitragseinnahmen zurückgegangen, das Unternehmen mache also nur noch 1,5 Prozent Verlust im operativen Versicherungsgeschäft. Diese Zahlen sind allerdings um die Großschäden World Trade Center, Flut und Asbest bereinigt. Tatsächlich musste die Allianz in 2001 108,8 Prozent und in den ersten drei Quartalen 2002 106,7 Prozent zahlen. Spätestens Ende 2003 will Schulte-Noelle versicherungstechnisch positive Zahlen sehen, ein Jahr früher als bisher verlangt.

In der lukrativen Leben-und Krankenversicherung legte die Allianz weltweit bei den Beitragseinnahmen um 22 Prozent zu. Aber auch hier fordert die Aktienkrise ihren Tribut: Die Allianz wird die Überschussbeteiligungen für Leben-Kunden von bisher 6,8 Prozent in Deutschland absenken. Die genaue Zahl wird der Vorstand der Allianz Leben wohl erst im Dezember beschließen; eine Senkung um einen Punkt, wie im Branchenschnitt avisiert, sei aber „plausibel“, sagte Schulte-Noelle.

Bei der Riester-Rente wird die Gruppe die angestrebten 1,3 Millionen Verträge bis Jahresende nicht schaffen, sondern nur 600 000. Ende September waren 518 000 Verträge verkauft, 74 000 über die Dresdner Bank.

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Quelle: Financial Times Deutschland


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