Versicherer erwarten geringere Zuwächse

Drei Prozent Prämienmehreinnahmen für 2003 “ EuroHohe Verluste im Schadensegment “ Lebensversicherer stabil

Von Herbert Fromme, Berlin Hohe Schadenlasten aus Stürmen und den August-Fluten sowie die anhaltende Debatte über die Krise der Lebensversicherer beunruhigen den Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Äußerst kritisch sehen die Versicherer die Pläne der Bundesregierung zur Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenzen in der Kranken-und Rentenversicherung. Auch die Abschwächung des Wachstums macht den Versicherungsbossen Sorgen. Für 2003 rechnen sie nur noch mit einem Zuwachs von rund drei Prozent, nach vier Prozent in diesem Jahr.

GDV-Präsident Bernd Michaels nannte 2002 „das Jahr der negativen Ereignisse“. Die Jahrhundertflut kostet die Branche mindestens 1,8 Mrd. Euro, dazu kommen auch für deutsche Versicherer hohe Kosten aus dem Anschlag auf das World Trade Center, dessen Gesamtkosten Michaels mit 50 Mrd. Euro bezifferte. Vor allem aber trafen die Finanzkrise und der Einbruch der Weltbörsen die Versicherungswirtschaft.

„Wir haben die schwierigste Situation der Branche seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagte Michaels. „Einzelne Unternehmen sind in einer besonders schwierigen Lage.“ Das sei angesichts der Krise der Finanzmärkte auch nicht verwunderlich, schließlich sei die Assekuranz mit ihnen eng verbunden. Die gewaltigen Kursrückschläge an den Aktienbörsen und die niedrigen Zinsen an den Rentenmärkten belasteten jedes Unternehmen. „Aber die Versicherer sind nicht in ihrer Substanz getroffen und in ihrer Fähigkeit, die garantierten Verpflichtungen gegenüber den Kunden zu erfüllen.“ Das gelte auch für die Lebensversicherungsunternehmen. Die nach der Änderung des Paragrafen 341b des Handelsgesetzbuchs im vergangenen Jahr mögliche Verschiebung von Abschreibungen sei nur moderat genutzt worden – die stillen Lasten der Branche beliefen sich am 31. Dezember 2001 auf 2,4 Mrd. Euro oder 0,4 Prozent der gesamten Kapitalanlagen von 571 Mrd. Euro. Wegen der Aktienkrise müssten die Kunden in 2003 mit einem branchenweiten Sinken der Überschussbeteiligung um durchschnittlich einen Prozentpunkt auf um die fünf Prozent rechnen.

Michaels wehrte sich gegen „die wildesten Spekulationen“ über die Finanzstärke der Lebensgesellschaften durch Rating-Agenturen und Investmentbanken. Er könne nicht ausschließen, dass interessierte Institute aus Wettbewerbsgründen durch die Veröffentlichung zweifelhafter, nicht nachprüfbarer Analysen an einer Dramatisierung der Lage interessiert seien.

Trotzdem hat die Branche – auch auf Druck der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin) – ihre Notfalllösung entwickelt. Michaels und Gerhard Rupprecht, Chef der Allianz Leben, erläuterten die Einzelheiten des neuen Lebensversicherers Protektor. „Protektor ist nur die letzte Stufe in einem dreistufigen System“, sagte Michaels. Erst müsse die BAFin mit aufsichtsrechtlichen Mitteln versuchen, ein Not leidendes Unternehmen zu sanieren. „In Stufe zwei wird versucht, dass ein anderer Lebensversicherer das in Not geratene Unternehmen übernimmt.“ Erst in Stufe drei komme Protektor zum Zuge.

Künftig sollen alle Lebensversicherer im GDV automatisch Aktionäre von Protektor werden, dafür wird die Satzung geändert. Ein Versicherer kann höchstens zehn Prozent der Aktien halten. Jeder Lebensversicherer verpflichtet sich, bei Bedarf bis maximal ein Prozent seiner Kapitalanlagen zur Verfügung zu stellen, geschätzt sind das rund 5 Mrd. Euro, sagte Michaels. Einen Vorstand müssen die GDV-Mitglieder noch bestimmen – im Gespräch ist Jose Ferrer, Vorstandsmitglied der Münchener-Rück-Tochter Hamburg-Mannheimer, der demnächst in den Ruhestand tritt.

Für die Schaden-und Unfallversicherer erwartet der GDV-Präsident für 2002 Gesamtbeiträge von 51 Mrd. Euro, ein Plus von 2,6 Prozent. Für 2003 liegt die Schätzung bei zwei Prozent.

Dieser Geschäftsbereich wurde 2002 hart durch Naturereignisse getroffen. Deshalb geht der GDV von Schadenzahlungen von insgesamt 43,5 Mrd. Euro aus, ein Anstieg um 8,2 Prozent. „Wir rechnen mit einer Schaden-Kosten-Quote von 104 Prozent“, sagte Michaels.

Zitat:

„Wir haben die schwierigste Situation seit dem Zweiten Weltkrieg“ – GDV-Präsident Michaels

Bild(er):

GDV-Präsident Bernd Michaels ist überzeugt, dass die Versicherungsbranche durch die Krise nicht in ihrer Substanz getroffen ist – Modus/Jardai.

Quelle: Financial Times Deutschland


Kategorien: Archiv, RTF Import