Allianz-Chef Schulte-Noelle tritt ab

Nachfolger wird Michael Diekmann “ Überraschender Wechsel in schwieriger Phase des Konzerns

Von Gerhard Hegmann, München, und Herbert Fromme, Köln Der Allianz-Konzern wechselt nach dem schlechtesten Geschäftsjahr in seiner Geschichte den Vorstandsvorsitzenden aus. Der 60-jährige Konzernchef Henning Schulte-Noelle teilte gestern nach einer Aufsichtsratssitzung völlig überraschend mit, dass er sein Amt mit Ablauf der Hauptversammlung am 29. April 2003 niederlegt. Nachfolger wird der 47-jährige Michael Diekmann, der im Vorstand bisher das Personalressort und das Versicherungsgeschäft in Amerika verantwortet.

Der Wechsel sei bereits vor einem Jahr mit Aufsichtsratschef Klaus Liesen diskutiert worden, sagte Schulte-Noelle. Ab einem Alter von 60 Jahren haben die Allianz-Vorstände jeweils Jahresverträge. An seinem Konzept des integrierten Finanzdienstleisters mit Versicherern und Bank will Europas größter Finanzkonzern festhalten.

Die Allianz meldete im dritten Quartal einen Rekordverlust von 2,5 Mrd. Euro. Davon stammte knapp 1 Mrd.Euro Verlust von der im Jahr 2001 übernommenen Dresdner Bank. Schulte-Noelle sagte, sein Rücktritt stehe weder im Zusammenhang mit den hohen Verlusten des Konzerns durch die Übernahme der Dresdner Bank noch mit dem rapiden Kursverfall der Allianz-Aktie. „Wenn der Aktienkurs bei der Entscheidung Relevanz gehabt hätte, wäre ich geblieben“, sagte er. Er habe vielmehr mit dem Überraschungscoup einer frühzeitigen Nachfolgeregelung die Weichen für die Konzernentwicklung stellen und schädliche Nachfolgediskussionen vermeiden wollen.

Konzernkenner gehen davon aus, dass Schulte-Noelle mit der Hauptversammlung Nachfolger von Aufsichtsratschef Liesen wird, dessen Amtszeit dann abläuft.

Diekmann sitzt seit 1998 im Allianz-Vorstand und arbeitet seit 1988 im Konzern. In seine Verantwortung fällt auch die Sanierung der jahrelang defizitären US-Tochter Fireman’s Fund. Schulte-Noelle sagte, Diekmann werde „das Konzept des integrierten Finanzdienstleisters gemeinsam mit seinen Kollegen sicher erfolgreich weiterführen“. Er sei aber auch frei, andere Weichenstellungen vorzunehmen. Die Allianz werde sich auf ihre alten Stärken zurückbesinnen. „Wir stellen uns in den Kerngeschäften so auf, dass wir nicht auf die Hilfe der Kapitalmärkte angewiesen sind, um Geld zu verdienen“, sagte Schulte-Noelle.

Analysten sagten, Diekmann habe als Vorstand zwar den Kauf der Dresdner Bank mitgetragen, könne als frischer Vorstand nun aber unvoreingenommen notwendige weitere Sanierungsschritte einleiten. Diekmann werde sich auch gegen Bernd Fahrholz durchsetzen müssen, den Allianz-Vorstand und Chef der Dresdner Bank.

An der Börse fiel die Allianz-Aktie gestern um 3,25 Prozent auf 101,6 Euro. Der Jahrestiefstkurs lag Anfang Oktober 2002 bei 74 Euro, das historische Hoch des Aktienkurses im April 2000 bei 441 Euro.

Allianz-Chef Schulte-Noelle gilt als einer der einflussreichsten Manager in Deutschland mit zahlreichen Aufsichtsratsmandaten und guten politischen Kontakten. Bernd Michaels, Vorsitzender des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft, nannte Schulte-Noelle eine „große Unternehmerpersönlichkeit, die der Branche fehlen wird“. Schulte-Noelle hatte mehrfach in kritischen Situationen für die Assekuranz Gespräche mit Bundeskanzlern und Ministern geführt.

Als möglicher Nachfolger für Konzernchef Schulte-Noelle war in der Öffentlichkeit nicht Diekmann, sondern mehrfach Beteiligungsvorstand Paul Achleitner gehandelt worden. Der Investmentbanker kam erst im Jahr 2000 zur Allianz und war der Architekt der Dresdner-Bank-Übernahme.

Allianz-intern wurde allerdings Diekmann seit längerem als Kronprinz gehandelt. Ähnlich wie der noch amtierende Allianz-Chef weist er Erfahrungen im Vertrieb auf, zudem reichhaltige Auslandspraxis. Schulte-Noelle bezeichnete Michael Diekmann als einen „Allianzer durch und durch“, der sich bei schwierigen Aufgaben bewährt habe.

Zitat:

„Wir werden auch ohne Hilfe der Kapitalmärkte Geld verdienen“ – Schulte-Noelle

Bild(er):

Konzentration auf den Neuen: Henning Schulte-Noelle (l.) und sein Nachfolger an der Allianz-Spitze, Michael Diekmann – Reuters(Michael Dalder

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Leitartikel Seite 31.

Quelle: Financial Times Deutschland


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