Der Allianz-Chef zieht die Konsequenzen

Henning Schulte-Noelle hat den Münchener Versicherungskonzern stärker verwandelt als seine Vorgänger – und in seine schwerste Krise geführt

Von Herbert Fromme, Köln Wie wetterfest ist das Allianz-Gebäude? Angesichts der schweren Erschütterungen, die der Konzern durch Großschäden und Kapitalmarktflaute erleidet, müssen sich die Baumeister des verschachtelten Konzerns diese Frage stellen – an erster Stelle Henning Schulte-Noelle. Wie kein anderer Vorstandschef vor ihm hat er die Allianz umgebaut.

Zwar hatte sein Vorgänger Wolfgang Schieren die Richtung vorgegeben und große Schritte in Richtung Internationalisierung unternommen. Aber es war Schulte-Noelle, der mit gewagten Akquisitionen – zuletzt die der Dresdner Bank – die Gruppe in ihre prekäre Lage gebracht hat.

Schulte-Noelle repräsentiert in seinem Lebenslauf wie kaum ein anderer Allianz-Manager den Aufbruch des Konzerns vom größten Anbieter im heimischen Markt zu einem der weltweit führenden Versicherer und Finanzdienstleister – mit sehr kräftigen Wurzeln im Deutschland.

Geboren wurde er 1942 in Essen, und ein Zug westfälischer Sturheit verließ ihn sein Leben lang nicht. Er studierte Jura und ging danach in die USA, wo er an der Wharton School 1973 ein Betriebswirtschaftsstudium abschloss.

Der Schmiss auf der linken Wange zeugt von seiner Mitgliedschaft in der Burschenschaft Borussia, der auch Vorgänger Schieren angehörte.

Nach kurzer Zeit als Anwalt ging Schulte-Noelle 1975 zur Allianz und kam über die Stationen Köln, Aachen und München 1988 als Vertriebschef in den Vorstand.

Bei der Übernahme des Vorstandsvorsitzes 1991 musste er sich gegen den Verdacht wehren, ein Verlegenheitskandidat zu sein. Denn ursprünglich hatte Wolfgang Schieren den Vorstand Friedrich Schiefer zum Nachfolger erkoren, ihn aber dann mit fadenscheinigen Gründen zum Rückzug gezwungen und stattdessen Schulte-Noelle eingesetzt.

Der neue Mann konnte alle Vorbehalte gegen ihn schnell ausräumen. Anfang der 90er Jahre wurde die Allianz von hohen Schadenbelastungen aus Naturereignissen und Anlaufverlusten in den neuen Bundesländern getroffen, wo die Allianz das Geschäft der früheren Staatlichen Versicherung der DDR übernommen hatte. Schulte-Noelle drosselte die Expansion, konsolidierte und sorgte dafür, dass die Allianz die Turbulenzen mit eher kleinen Blessuren überstand.

Seit 1994 setzte er selbst die Tagesordnung für die internationale Ausbreitung, stieg groß in der Schweiz ein, gründete Töchter in Asien und übernahm 1997 die Assurances Générales de France (AGF) in Paris gegen erbitterte Konkurrenz des italienischen Rivalen Generali, der im Gegenzug die Mehrheit an der Aachen-Münchener erhielt.

Die AGF-Übernahme bedeutete einen massiven Sprung nach vorn in der globalen Präsenz, denn die AGF-Gruppe hatte zahlreiche Töchter und Niederlassungen. Der Zukauf der Vermögensverwalter Pimco Advisors und Nicholas Applegate in den USA und die Expansion nach Osteuropa tragen Schulte-Noelles Handschrift.

Als Chef eines der größten Kapitalanlegers in Deutschland spielt Schulte-Noelle auch in anderen Branchen eine gewichtige Rolle. Er sitzt oder saß in Aufsichtsräten von Eon, Siemens, ThyssenKrupp, BASF, MAN, Vodafone, Münchener Rück und Dresdner Bank, die Aufzählung ist nicht vollständig.

Und er gehört zu den wenigen Versicherern, die ihre Stimme bei Politikern zu Gehör bringen können. Wenn nötig, verhandelte Schulte-Noelle als oberster Lobbyist mit Kanzlern und Finanzministern.

Schulte-Noelle steht zu seinen Auffassungen – auch im Fall der Übernahme der Dresdner Bank im Jahr 2001 für 24 Mrd. Euro. Dabei ist umstritten, ob die Allianz die Bank kaufen wollte oder nach mehreren gescheiterten Fusionsversuchen übernehmen musste, um die Zukunft des Instituts nicht zu gefährden.

Schulte-Noelle ist bis heute davon überzeugt, dass der Kauf richtig war. Er begründet das mit dem Zukunftsmarkt private Altersversorgung, für den die Allianz ihren Kunden alle Zugangswege bieten müsse, eben auch eine Bank.

Innerhalb der Allianz ist der Schritt umstritten, vor allem beim mittleren Management. Der Quartalsverlust von 2,5 Mrd. Euro hat den Dampf im Kessel noch einmal kräftig erhöht und auch die Kritik von Anlegern und Analysten lauter werden lassen.

Schulte-Noelle betont, dass er auf Grund seiner persönliche Lebensplanung den Chefposten aufgibt. Das muss man ihm glauben.

Wahr ist aber auch, dass ihm die öffentliche Wirkung eines solchen Wechsels mitten in der Krise bewusst ist. Er jedenfalls hat seine Verantwortung für den Zustand des Allianz-Gebäudes übernommen.

Bild(er):

Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle, der gestern den Rücktritt ankündigte – F. Darchinger; ddp/M. Gambarini; Reuters/M. Dalder.

Quelle: Financial Times Deutschland


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