Gier, Inflation und Krieg erschüttern die Assekuranz

Artikelfolge: Lebensversicherer in der Krise / Teil 6 / Viel genauer als in früheren Jahren beobachtet die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BAFin) die Lebensversicherer. Die Behörde hält die Unternehmen grundsätzlich für solide – besteht aber auf zusätzliche Sicherungsmaßnahmen. Die großen Krisen der Lebensversicherer sind in Bonn nicht vergessen.

Von Herbert Fromme, Köln BAFin-Präsident Jochen Sanio weiß, was er zur Stabilisierung der Lage zu tun hat. „Die deutschen Lebensversicherer sind absolut sicher“, sagte der Präsident der Bonner Behörde im November in einem Interview mit der „Bild am Sonntag“. Mehr und mehr Deutsche machen sich Sorgen um die Stabilität der Lebensversicherer, bei denen sie einen Großteil der Spargroschen abliefern.

Ganz frei von Bedenken über den Zustand der Branche ist wohl auch Sanio nicht. Sonst hätte er nicht darauf bestanden, dass die Branche eine Auffanggesellschaft gründet, die Kunden von in Not geratenen Firmen übernehmen soll und auf mehr als 5 Mrd. Euro Kapital zurückgreifen kann.

Versicherungskrisen sind nicht beschränkt auf Japan, wo bisher sieben Lebensversicherer Konkurs anmelden mussten, oder Großbritannien, wo mit der Equitable Life der älteste Lebensversicherer der Welt in ernsthaften Schwierigkeiten ist.

Auch in der deutschen Geschichte gibt es Beispiele. Im August 1929 kollabierte der zweitgrößte deutsche Versicherer, die Frankfurter, zu deren Einflussbereich auch drei große Lebensversicherer gehörten. Zur Begründung schrieb der Marburger Wirtschaftshistoriker Peter Borscheid: „Da er (Generaldirektor Paul Dumcke) im Wettbewerb gegenüber der Allianz klar unterlegen war, griff er zu einer Art Doping, er stieg in nicht erlaubte, versicherungsfremde Geschäfte mit bankmäßigem Charakter ein.“

Als in der Krise hochriskante Kreditabsicherungen fällig wurden, ging die Frankfurter in die Knie. In einer Blitzaktion übernahmen Allianz und Münchener Rück das Unternehmen, Versicherungskunden wurden nicht geschädigt. Das war anders in den beiden großen Krisen der deutschen Lebensversicherer. Während der Geldentwertung, die nach dem ersten Weltkrieg einsetzte und 1923 in der Hyperinflation mündete, gehörten die Versicherungskunden zu den Hauptleidtragenden.

Die Gesellschaften hatten hohe Bestände von wertlosen Kriegsanleihen, und die Inflation machte auch ihre anderen Geldanlagen zum großen Teil wertlos. Über Indexmodelle, Policen auf Dollar-oder Roggenbasis, versuchten die Gesellschaften, im Geschäft zu bleiben und ihrer rapide wachsenden Kosten Herr zu werden – ohne Erfolg.

Eine Versicherungssumme von 25 000 Mark, mit der man sich 1918 noch ein Haus kaufen konnte, „reicht Ende 1920 nur noch für eine Zimmereinrichtung, Ende 1922 nur noch für einen Anzug, im Juli 1923 nur noch für einen Zentner Briketts“. Am Schluss sind die Postgebühren für den Brief, mit dem die Kunden am Ende der Laufzeit benachrichtigt werden, höher als die Versicherungssumme, notierte 1926 der Autor Hans Ullrich.

Ende 1923 schließlich stellte die Reichsregierung die inflationäre Mark auf die Rentenmark um, die den gleichen Wert wie die alte Goldmark hatte. Die gigantische Wertevernichtung wurde offenbar:

So hielten die privaten Lebensversicherer 1913 noch Vermögenswerte von 6 Mrd. Goldmark. Laut ihren Eröffnungsbilanzen zum 1. Januar 1924 waren es noch 148 Mio. Rentenmark – oder lediglich 2,5 Prozent des Vorkriegsstands. Entsprechend ärmer waren die Kunden, deren jahrelangen Beitragszahlungen wertlos geworden waren.

Auch nach 1945 war die Lage der Lebensversicherer katastrophal. Die Werthaltigkeit der Kapitalanlagen war drastisch zusammengeschmolzen, Kriegsanleihen waren wertlos. Die Währungsreform 1948 traf Kunden der privaten Lebensversicherer hart: Die gesetzlichen Renten wurden im Verhältnis 1:1 von Reichs-auf Deutsche Mark umgestellt, die Lebensversicherungen dagegen 10:1 – allerdings nicht von den Versicherungssummen, sondern den Prämienreserven.

Die Folge: Je länger die Police schon lief, desto höher die Abwertung. Das galt auch für private Rentenversicherungen, deren Kunden sich von der gesetzlichen Rente hatten befreien lassen.

„Zwar gab es dann noch Aufbesserungen durch das Altsparer-Entschädigungsverfahren, aber auch damit blieb es bei der deutlichen Benachteiligung der Privatversicherten“, erläutert der Versicherungsexperte Claus Gießmann. Aber jahrelang litt das Neugeschäft der Branche unter dem negativen Ruf, den die Umstellung brachte.

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lesen Sie, wie die Lebensversicherer 2003 und 2004 die Folgen der gegenwärtigen Krise spüren werden.

Quelle: Financial Times Deutschland


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