Teure Abenteuer belasten Allianz

Zukäufe im Ausland bringen Probleme statt Erfolg “ Dresdner Bank verursacht rote Zahlen “ Rücktritt von Bankchef Fahrholz erwartet

Von Herbert Fromme, Köln, Günter Heismann und Claudia Wanner, Frankfurt Auch wenn der scheidende Allianz-Chef Henning Schulte-Noelle darauf besteht, dass sein für April 2003 geplanter Wechsel in den Aufsichtsrat nichts mit den aktuellen Problemen der Gruppe zu tun hat: Schulte-Noelle verlässt das Unternehmen in seiner schwierigsten Situation in der Nachkriegszeit.

Die Allianz muss womöglich für das Gesamtjahr 2002 einen Verlust melden. Allein im dritten Quartal lag das Defizit bei 2,5 Mrd. Euro, in den ersten neun Monaten bei 924 Mio. Euro. Nach heutigem Börsenstand dürfte auch im vierten Quartal weiterer Abschreibungsbedarf auf Aktien anfallen.

Zwar steht die Allianz mit diesem Problem nicht allein. Fast alle großen Versicherungskonzerne müssen in der Börsenkrise Federn lassen. Allerdings hat sich die Allianz in den vergangenen 20 Jahren unter den Vorstandschefs Wolfgang Schieren und Henning Schulte-Noelle erheblich gewandelt und ist dadurch wahrscheinlich anfälliger für die Folgen der gegenwärtigen Krise geworden.

Aus dem grundsoliden, etwas langweiligen Marktführer in Deutschland wurde ein Weltkonzern mit einem schwer zu regierenden Großreich an Versicherern, Vermögensverwaltern und Banken. Dabei stammt die Stärke der Allianz immer noch aus ihrem Kerngeschäft, dem deutschen Erstversicherungsmarkt.

Im vergangenen Jahr erwirtschaftete die Allianz im deutschen Schaden-und Unfallgeschäft einen Gewinn von 3,23 Mrd. Euro. Die gesamte Gruppe erzielte nur 1,62 Mrd. Euro Gewinn. Das Geschäft mit deutschen Autofahrern, Gebäudebesitzern und Gewerbetreibenden ermöglichte es der Allianz, hohe Verluste aus dem US-Geschäft und der Dresdner Bank zu verdauen.

Die Allianz-Führung antwortet auf diese Kritik mit dem Hinweis auf den langfristigen Ausgleich zwischen den Ländern. Doch in den letzten Jahren stellte sich heraus, dass zumindest für einen Teil der im Ausland teuer gekauften Firmen großer Sanierungsbedarf besteht. Das gilt vor allem für die lange defizitär arbeitende US-Tochter Fireman’s Fund. Aber auch andere Gesellschaften verdienen keine ordentliche Verzinsung auf die Kaufpreise.

Als schwerer Missgriff erwies sich der Kauf der Dresdner Bank, der unter dem Strich nur Verluste einbrachte. Mit dem Argument, dass wegen des Aufschwungs der privaten Altersvorsorge ein Bankvertrieb nötig sei, übernahm die Allianz auch alle Altlasten und Problemfelder der Bank wie das hochdefizitäre Investmentbanking, das für das Überleben zu klein ist.

Allein im ersten Halbjahr hat die Dresdner Bank das Ergebnis der Muttergesellschaft mit einem Verlust von1,06 Mrd. Euro belastet. Für das zweite Halbjahr rechnet Analyst Michael Haid von der Privatbank Sal. Oppenheim abermals mit einem Verlust von annähernd 1 Mrd. Euro. Nur wenn 2003 ein kräftiger Konjunkturaufschwung einsetzt, kann die Dresdner Bank wie geplant die Gewinnschwelle erreichen. Die Allianz hat mit einem scharfen Kostenprogramm auf die wachsenden Verluste reagiert. Bis 2004 sollen 11 000 der einst rund 50 000 Arbeitsplätze wegfallen.

Mitarbeiter der Bank befürchten, dass der neue Allianz-Chef Michael Diekmann einen schärferen Kurs als sein Vorgänger einschlägt. Vielerorts ist in der Bank zu hören, dass Vorstandssprecher Bernd Fahrholz noch vor Ende April von seinem Amt zurücktreten werde.

Für eher unrealistisch halten Analysten das Ziel, dass die Dresdner Bank wie die Allianz 2005 eine Eigenkapitalrendite von rund zehn Prozent verdient. An den tiefroten Zahlen haben bislang auch Ertragssynergien nichts ändern können, die die Allianz mit dem Vertrieb von Versicherungsprodukten in den Filialen der Dresdner Bank verwirklicht. Bis 2006 sollen dadurch zusätzliche Gewinne von 1,06 Mrd. Euro erzielt werden.

Zitat:

„Die Dresdner Bank macht erneut einen Milliardenverlust“ – Analyst Michael Haid.

Quelle: Financial Times Deutschland

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