Essener Universität gibt die störrische Braut

Erst will sie, dann wieder nicht, dann muss sie “ Jetzt klagt ihr ehemaliger Rektor gegen die erzwungene Vereinigung mit der Universität Duisburg

Von Anja Krüger Der Hochzeitstermin stand schon fest, da zerstritten sich die Universitäten Essen und Duisburg und ließen die Verlobung platzen. Doch das mochte die Landesregierung Nordrhein-Westfalen nicht hinnehmen. Kurzerhand verdonnerte sie die beiden Hochschulen zu einer Zwangsehe – gegen den erbitterten Widerstand vor allem der Essener.

Für Studenten, Dozenten und Mitarbeiter in Duisburg und Essen hat sich bislang nichts verändert. Nur die Immatrikulationsbescheinigungen für das kommende Semester, die von den Hochschulen in den ersten Januarwochen verschickt wurden, tragen schon den Namen der neuen „Universität Duisburg-Essen“. Doch freigestempelt sind die Umschläge noch mit den Namen der aufgelösten Hochschulen. So bekamen die Duisburger Studenten ihre Post von der „Gerhard-Mercator Universität“. Mit dem Kartenzeichner als Namenspatron hatte sich die Duisburger Hochschule in den 90er Jahren etwas akademische Patina verleihen und einen „Geburtsfehler“ ausmerzen wollen. Denn wie die Essener wurde sie in den 70er Jahren als Gesamthochschule gegründet. Hier konnte auch studieren, wer kein Vollabitur hatte und über Zusatzkurse einen Universitätsabschluss erwerben wollte.

Seit dem 1. Januar gibt es in Nordrhein-Westfalen keine Gesamthochschulen mehr, und auch die Einzeluniversitäten Duisburg und Essen sind Geschichte. Zur neuen Hochschule habe es keine Alternative gegeben, sagt Landeswissenschaftsministerin Hannelore Kraft von der SPD. Die Probleme der beiden Hochschulen ähneln sich: wenig Drittmittel, kleine Institute, schlechte Ausstattung mit Personal-und Sachmitteln. An den beiden Standorten, die gerade mal 20 Kilometer auseinander liegen, werden teilweise identische Fächer gelehrt. „Wir brauchen einen neuen gemeinsamen Geist, um die Universität Duisburg-Essen zu einer schlagkräftigen, international wettbewerbsfähigen Hochschule im Ruhrgebiet zu entwickeln“, sagt die Ministerin, die selbst in Duisburg Wirtschaftswissenschaften studiert hat.

Doch von einem gemeinsamen Geist sind die beiden Universitäten noch weit entfernt. Mit wütenden Resolutionen haben sich Studenten und Hochschulgremien gegen die Zwangsvereinigung gewehrt, die Universität Essen ist sogar vor drei Gerichte gezogen.

Dabei hätte der Zusammenschluss, wenn schon keine Liebes-, so doch eine glückliche Vernunftehe werden können. Schon vor Jahren hatten die Hochschulen sich auf eine Kooperation verständigt. Das Konzept: Duisburg konzentriert sich auf Ingenieurs-und Gesellschaftswissenschaften, Essen auf Medizin und Geisteswissenschaften. Vor zwei Jahren verkündeten der Duisburger Rektor Ingo Wolff und die Essener Rektorin Ursula Boos-Nünning die Fusion der Hochschulen zum 1. Januar 2003. Doch bei den Verhandlungen über den Ehevertrag zerstritten sich die künftigen Partner derart, dass sie nichts mehr voneinander wissen wollten. Weil sie nach Auffassung des Essener Senats die Interessen der Hochschule nicht gut genug vertrat, wählten die Mitglieder Rektorin Boos-Nünning sogar ab und setzten den Medizinprofessor Karl-Heinz Jöckel an ihre Stelle.

„Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Fusion nicht sinnvoll ist, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen“, berichtet Jöckel. Die Hochschulen konnten sich nicht auf eine Verteilung der Fächer auf die jeweiligen Standorte einigen. Strittig war etwa, wo das Fach Physik angesiedelt werden soll. Es ist für die Medizinstudenten in Essen genauso wichtig wie für die angehenden Ingenieure in Duisburg. „Es gab insgesamt sachlich und fachlich keine tragfähige Lösung“, erklärte er.

Vor allem eines bringt Jöckel auf: ungeklärte Finanzierungsfragen. Die Hochschulen gehen davon aus, dass sie die Fusion etwa 25 Mio. Euro kosten wird. Wie viel das Ministerium davon übernimmt, ist unklar.

Nur durch einen Trick der Landesregierung konnte der ursprünglich von den Universitäten selbst angesetzte Hochzeitstermin eingehalten werden. Das nordrhein-westfälische Wissenschaftsministerium löste die beiden Hochschulen auf und gründete eine neue. „Das ist ein beispielloser Eingriff in die Hochschulautonomie“, kritisiert Jöckel.

Der ehemalige Rektor und andere Hochschulangehörige klagen nun vor den Verwaltungsgerichten Düsseldorf und Gelsenkirchen und dem Bundesverfassungsgericht. Auch die Universität Duisburg wollte ursprünglich vor Gericht ziehen, zumindest hatte das der Senat bei einer Sondersitzung im Dezember beschlossen. Doch das Rektorat entschied einige Tage später eigenmächtig, nicht vor Gericht zu ziehen. Zu den Gründen will der ehemalige Rektor Wolff nichts sagen. „Ich möchte das Thema in der Öffentlichkeit nicht mehr diskutieren“, sagte er.

Jöckel und seine Mitstreiter können bereits einen Erfolg verbuchen. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen hat dem Ministerium Ende Dezember in einer einstweiligen Verfügung untersagt, den Philosophie-Professor Wilhelm Vossenkuhl als Gründungsrektor für die neue Hochschule einzusetzen, wie ursprünglich vorgesehen. Vossenkuhl sollte über die Köpfe der Hochschulen hinweg und ohne Anhörung der zuständigen Gremien bestellt werden. „Ein konsensfähiger Kandidat war nicht in Sicht, die Ministerin wollte die Fronten zwischen den Hochschulen aufweichen“, begründet ein Ministeriumssprecher die Vorgehensweise der Regierung.

Neben der Universität klagt auch die oppositionelle CDU-Landtagsfraktion. Sie ist vor das Landesverfassungsgericht in Münster gezogen. „Wir wollen prüfen lassen, ob eine Verletzung der Hochschulautonomie vorliegt“, sagt Manfred Kuhmichel, wissenschaftspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Er habe zwar gegen die Fusion grundsätzlich nichts einzuwenden, halte aber das Vorgehen der Landesregierung für nicht akzeptabel. Sie hätte den Hochschulen mehr Zeit geben müssen, statt sie zu zwangsfusionieren, sagte er. Nach einer Expertenanhörung im Landtag hatte Kuhmichel gewettert, das Ministerium betreibe die Zwangsfusion mit der Brechstange.

Die Regierung sieht den Klagen gelassen entgegen. Doch bis die Verfahren abgeschlossen sind, kommen sich die Hochschulen keinen Schritt näher. Entscheidungen im Zusammenhang mit der Fusion soll das erste gemeinsame Rektorat treffen. Ob oder wann der vom Ministerium favorisierte Gründungsrektor sein Amt antreten kann, werden die Gerichte entscheiden. Fürs erste ernannte Ministerin Hannelore Kraft den Chef der Hochschulabteilung im Ministerium, Heiner Kleffer, zum vorläufigen Leiter der neuen Universität Essen-Duisburg.

Die übrige Führungsmannschaft der Hochschule dürfen die Mitglieder der neuen Universität auf jeden Fall selbst bestimmen. Im Mai sollen die Wahlen zu den entsprechenden Gremien stattfinden. Das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen kündigte an, im Eilverfahren um den aufgezwungenen Gründungsrektor werde wohl Ende Februar entschieden.

Mitarbeit: Eberhard Liliensiek

Zitat:

„Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Fusion nicht sinnvoll ist“ – Karl-Heinz Jöckel, Professor für Medizin und Rektor der ehemaligen Universität Essen

Drei Jahre lang haben die Universitäten Duisburg (l.) und Essen ihre Fusion vorbereitet. Als sie zu scheitern drohte, wurden sie zwangsvereinigt – Joker/Martina Hengesbach; Ullstein/Simon.

Quelle: Financial Times Deutschland


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