Versicherer fordern neue Bilanzregeln

Aktienabschreibungen sollen noch weiter gestreckt werden “ Branche hat 20 Mrd. Euro stille Lasten

Von Herbert Fromme, Leipzig Die Versicherungswirtschaft tritt für eine weitere Neuregelung der gesetzlichen Abschreibungsregeln auf Aktien ein. Die Unternehmen wollen mehr Zeit, um mit hohen Wertverlusten auf ihre Aktienbestände fertig zu werden. Sonst kämen die Ergebnisse und das Eigenkapital vieler Lebensversicherer erheblich unter Druck.

Die gegenwärtige Regelung des Paragrafen 341b des Handelsgesetzbuchs, die vor zwei Jahren auf Druck der Versicherungswirtschaft eingeführt wurde, „greift noch immer zeitlich zu kurz“, sagte Bernd Michaels, Präsident des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV), gestern in Leipzig. Mittelfristig müsse Abhilfe geschaffen werden.

Nach Hochrechnungen des GDV hatten die deutschen Lebensversicherer Ende 2002 „stille Lasten“ von 15 bis 20 Mrd. Euro auf ihren Aktienbeständen, sagte Michaels. Das bedeutet: Die Aktienanlagen stehen zwar mit rund 50 Mrd. Euro in den Bilanzen, hatten aber am 31. Dezember 2002 nur einen Marktwert von 30 bis 35 Mrd. Euro. Zahlen von 45 bis 50 Mrd. Euro an stillen Lasten und Abschreibungen, wie sie die Rating-Agentur Fitch nennt, könne er nicht bestätigen, so Michaels. Ende 2001 hatten die Lebensversicherer erst 2,5 Mrd. Euro stille Lasten. Insgesamt hat die Branche Kapitalanlagen in Höhe von 600 Mrd. Euro.

Wenn der Dax bis Ende 2003 nicht deutlich über dem heutigen Niveau liegt, müssen Lebensversicherer den Großteil der stillen Lasten mit der Bilanz 2003 aufdecken und würden entsprechend hohe Verluste einfahren. Dann seien auch kurzfristige Maßnahmen denkbar, sagte Michaels der FTD. „Wenn einige Unternehmen dadurch ernsthaft in Gefahr geraten, müssten wir mit der Politik reden.“ Das Problem sei den Verantwortlichen in Berlin bekannt. Eine grundlegende Änderung müsse aber unabhängig von der aktuellen Entwicklung eingeleitet werden, forderte er.

Das Problem betrifft die großen Versicherer wie Allianz, Ergo oder AM Generali nicht auf der Konzernebene, da dort alle nach den internationalen Bilanzstandards IAS oder US-GAAP abrechnen. Betroffen sind aber die Lebensversicherungstöchter der Konzerne und die zahlreichen kleineren Gesellschaften.

Nach dem 2001 eingeführten Paragrafen 341b müssen Versicherer Verluste auf Aktien nicht mehr sofort abschreiben, wie das bis 2000 der Fall war, sondern nur dann, wenn der Wertverlust dauerhaft ist.

Das ist nach den Regeln der Wirtschaftsprüfer der Fall, wenn der Marktwert eines Papiers zwölf Monate lang im Durchschnitt um zehn Prozent oder über sechs Monate dauerhaft um 20 Prozent unter dem Buchwert liegt.

Allerdings muss der Versicherer dann nicht notwendig auf den Marktwert abschreiben. Wenn er Analystenmeinungen zitieren kann, die den tatsächlichen Wert einer Aktie höher einschätzen, kann er diesen Wert verwenden. Sonst darf er den Durchschnittskurs der letzten zwölf Monate plus zehn Prozent veranschlagen.

Michaels möchte, dass die Versicherer erst bei viel länger andauerndem Wertverlust abschreiben müssen. Er wollte aber nicht sagen, welche Zeiträume die Branche gerne hätte. „Die geltenden Bilanzierungsvorschriften sind vorrangig für Unternehmen mit kurzfristig abzuwickelnden Geschäften konzipiert worden“, sagte Michaels. Für Versicherer mit ihrem langfristigen Geschäft passten sie dagegen nicht. „Für Änderungen sind wohl gesetzliche Regelungen notwendig.“

Auch der Chef der Allianz Leben, Gerhard Rupprecht, hält die stillen Lasten von 15 bis 20 Mrd. Euro in der Branche nicht für problematisch. „Die stillen Reserven auf festverzinsliche Papiere und andere Anlagen sind höher“, sagte er. Wenn nötig, könne ein Unternehmen solche Werte verkaufen. Dann würden allerdings für die Lösung der gegenwärtigen Aktienkrise künftig zu erwartende Gewinne verbraucht, sagte Rupprecht.

Die Aktienkrise hat auch negative Auswirkungen auf die Schaden-und Unfallversicherer, die ohnehin durch hohe Schadenbelastungen gebeutelt sind. Die Unternehmen verdienen weniger mit ihren Kapitalanlagen und können deshalb aus dem operativen Versicherungsgeschäft schlechter ausgleichen.

Nach Angaben von Edmund Schwake, Vorstandsmitglied des W&W-Konzerns, verschlechterte sich die kombinierte Schaden-und Kostenquote für den gesamten Markt von 100 Prozent der Beitragseinnahmen im Jahr 2001 auf 106 Prozent in 2002. Das heißt, die Unternehmen gaben bei Beitragseinnahmen von 51 Mrd. Euro – ein Plus von 2,8 Prozent – 54 Mrd. Euro für Schäden und Kosten aus. Allein die Flut schlug mit 1,7 Mrd. Euro zu Buche.

„In den Vorjahren konnten wir bei solchen Prämieneinnahmen mit rund 3 Mrd. Euro Kapitalerträgen rechnen, heute ist es die Hälfte“, sagte Schwake. Deshalb nehme der Druck zu, operativ auskömmliche Ergebnisse zu erzielen.

Zitat:

„Für Änderungen sind wohl gesetzliche Regelungen notwendig“ – Bernd Michaels, GDV-Präsident

Bild(er):

Unaufhalt-sam rieselt der Sand: Bei den Abschreibungen läuft den Lebensversicherern die Zeit davon – Vario-Press/Ulrich Baumgarten.

Quelle: Financial Times Deutschland


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