„Das ist Betrug“

Kunden privater Rentenversicherer sind sauer. Die Unternehmen zahlen ihnen weniger als versprochen

Hanny Hens ist wütend. Sie fühlt sich geprellt. Im Mai 2001 wurde ihre Kapitallebensversicherung bei der Provinzial Rheinland fällig, sie erhielt 35 000 Euro ausgezahlt. „Vielleicht haben Sie schon einige Vorstellungen, wie sie diese Summe verwenden beziehungsweise anlegen wollen“, schrieb ihr das Unternehmen damals. Zumindest der Versicherer hatte schon eine sehr genaue Vorstellung, was die Kundin mit dem Geld tun sollte. Er verkaufte ihr eine private Rentenversicherung. Seit Juli 2001 bekam die Rheinländerin jeden Monat 206 Euro. Seit Februar zahlt die Provinzial aber nur noch 189 Euro. „Irgendwie ist das doch Betrug“, ärgert sie sich.

Den meisten Ruheständlern, die eine private Rentenversicherung gekauft haben, wird es ähnlich gehen. Denn fast alle Versicherer haben die Renten gesenkt oder vorgesehene Erhöhungen gedämpft. „Die Kunden müssen mit Abstrichen bis zu 20 Prozent rechnen“, sagt Wolfgang Scholl vom Bundesverband der Verbraucherzentralen. Bei der Axa zum Beispiel liegen die Kürzungen im Durchschnitt zwischen neun und elf Prozent der Rentenzahlungen, bei den R+V Versicherungen zwischen zehn und elf Prozent.

Der Grund dafür ist, dass nach Börsenflaute und anhaltender Niedrigzinsphase fast alle Lebensversicherer die so genannte Überschussbeteiligung gesenkt haben. Jetzt gibt es auf den Sparanteil der Prämien im Branchendurchschnitt nicht mehr 6,1 Prozent Zinsen wie noch im Jahr 2002, sondern nur noch 4,7 Prozent. Wer eine Kapitallebensversicherung hat, spürt das erst, wenn die Verträge zur Auszahlung fällig werden. Kunden mit privaten Rentenpolicen, die bereits Zahlungen erhalten, bekommen schon heute weniger. Ihre Rente besteht aus einem garantierten und einem variablen Teil. Letzterer hängt direkt von der Höhe der Überschussbeteiligung ab, kann also vom Versicherer gekürzt werden.

So steht es auch in Hanny Hens‘ Vertrag. Doch die 62-Jährige hatte nie wirklich verstanden, was das bedeutet. Der Vertreter habe es ihr auch nicht erklärt, sagt sie. „Kein Mensch hat mir gesagt, dass meine Rente vielleicht gekürzt wird.“ Verbraucherschützer kritisieren seit langem, dass Vertreter Kunden vor Vertragsabschluss nicht über Risiken aufklären und sie mit Prognoseberechnungen ködern, die auf unrealistischen Verzinsungen beruhen.

Dass die Rheinländerin die Absenkung überhaupt bemerkt hat, hängt mit der Auszahlungsform zusammen. Sie hat eine „konstante“ Rente vereinbart, deren Höhe eigentlich immer gleich bleiben sollte. Bei Verträgen mit dynamischer Auszahlung, die eine Steigerung der Rente vorsehen, fällt eine Reduzierung dem Kunden kaum auf. Er erhält ja auf jeden Fall mehr Geld – allerdings weniger als prognostiziert. Die Absenkung wird nicht als Kürzung empfunden, weil die Zahlungen faktisch steigen (siehe dazu nebenstehenden Beitrag zum Auszahlungsmodus). „Aus diesem Grund verkaufen die Versicherer am liebsten Policen mit dynamischer Auszahlung“, sagt Manfred Poweleit, Herausgeber des Branchendienstes map-report.

Kunden, die zum Beispiel bei der Allianz Leben das Produkt Zusatzrente gewählt haben, bekommen statt der für 2003 vorgesehenen Steigerung von 3,55 Prozent nur 2,05 Prozent. Wie viele andere Versicherer hat die Allianz Leben schon im vergangenen Jahr die dynamischen Renten nicht im prognostizierten Umfang erhöht, denn bereits für 2002 wurde die Überschussbeteiligung gesenkt.

Kunden mit konstanten Renten blieben bislang von Senkungen verschont. Die Allianz Leben füllte die entstandene Lücke mit Teilen des Überschusses, den sie nicht an die Kunden weitergeben muss. Das ist jetzt vorbei. Wer einen Vertrag mit immer gleich bleibenden Raten hat, erhält bis zu 15 Prozent weniger. „Je älter ein Kunde ist, desto geringer ist die Absenkung“, erklärt ein Sprecher.

Die zum Ergo-Konzern gehörende Hamburg-Mannheimer kürzt die Zahlungen in diesem Jahr noch nicht, obwohl auch sie die Überschussbeteiligung gesenkt hat. Für einen 60-Jährigen, der 2002 eine Monatsrente von 1509 Euro bekam, beträgt nach der Senkung des Gewinnanteils die Rente rechnerisch 1488 Euro. Trotzdem zahlt die Gesellschaft dieselbe Summe wie 2002. Im kommenden Jahr muss der Kunde aber mit einer Absenkung auf 1295 Euro rechnen. „Die Renten werden um höchstens 15 Prozent gesenkt“, sagt eine Sprecherin. Dynamische Renten werden hier schon 2003 gedämpft erhöht.

Dass die Kunden verärgert sind, können die Versicherer zwar nachvollziehen – gerechtfertigt finden sie den Unmut nicht. „Die Absenkung der Zahlung ist keine Kürzung, sondern eine Reduzierung der Gewinnbeteiligung“, betont ein Sprecher der Provinzial Rheinland. Dass Vertreter den Kunden falsche Versprechungen gemacht haben, glaubt er nicht. „Die Kunden verdrängen die Risiken, die mit einer Gewinnbeteiligung verbunden sind, und sind jetzt entsetzt.“

Zitat:

„Die Kürzungen können bis zu 20 Prozent betragen“ – Wolfgang Scholl, Verbraucherschützer.

Quelle: Financial Times Deutschland


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