Eichel lässt Versicherer abblitzen

Assekuranz drohen hohe Abschreibungen wegen Aktienverlusten “ Bundesfinanzminister lehnt Aufschub ab

Von Herbert Fromme, Köln, und Claus Hulverscheidt, Berlin Die Weigerung der Bundesregierung, mit Hilfe neuer Bilanzregeln die Aktienkrise für die Lebensversicherer zu entschärfen, kann die Branche in eine prekäre Lage bringen. Nach Schätzungen des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV) haben die Unternehmen 2002 stille Lasten von rund 15 bis 20 Mrd. Euro gebildet: Sie haben Wertverluste auf ihre Aktienpakete nicht in den Ergebnissen 2002 gezeigt, sondern aufgeschoben, weil sie auf einen schnellen Wiederanstieg der Kurse setzen.

Wenn sich die Aktienmärkte nicht kräftig nach oben bewegen, müssen die Versicherer den größten Teil der 20 Mrd. Euro Ende dieses Jahres abschreiben. Die Versicherer wollen deshalb Wege finden, den Termin noch einmal aufschieben zu können.

Dazu kommt: Weil Steuer-und Handelsbilanz auseinander klaffen, erkennt das Finanzamt bisher nicht alle Aktienverluste an. Deshalb müssten die Versicherer auf die hohen Defizite auch noch Steuern zahlen. In dieser Frage nähern sich die Politiker und die Versicherer allerdings zurzeit an.

GDV-Präsident Bernd Michaels rechnet gerne vor, dass selbst 20 Mrd. Euro Abschreibungsbedarf nur drei Prozent der gesamten Kapitalanlagen der Lebensversicherer in Höhe von 600 Mrd. Euro ausmachen. Das stimmt – wenn aber 20 Mrd. Euro Verlust aus Aktien in den Ergebnissen für 2003 verdaut werden müssen, kann das schwach kapitalisierte Gesellschaften in die Knie zwingen. Außerdem ist nicht ausgemacht, ob es bei 20 Mrd. Euro bleibt. Die Rating-Agentur Fitch geht von Abschreibungen und stillen Lasten bis 50 Mrd. Euro aus. Sie ist allerdings in der Assekuranz sehr umstritten.

Schon jetzt droht ein gewaltiger Imageverlust. Dazu trägt die Verharmlosung der Versicherer bei. Erst auf energisches Nachfragen war die Führung der Ergo-Tochter Victoria Leben, die zur Münchener Rück gehört, am Mittwoch bereit, das wahre Ausmaß ihrer Probleme aus dem Aktienmarkt auf den Tisch zu legen.

Mit dem Hinweis auf laufende Gespräche des Verbandes mit der Regierung über die Bilanzregeln versuchte Ergo-Vorstand Rolf Ulrich, dem Thema die Brisanz zu nehmen. Die Tatsache, dass die Victoria Leben den Stresstest der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) nicht erfüllen konnte, kam nur am Rande zu Tage.

Dabei gibt es Gesellschaften, denen es deutlich schlechter geht. „Wenn alle Gesellschaften so gut daständen wie die Victoria Leben, wäre mir sehr viel wohler“, sagte Michaels. Die Mannheimer Versicherung etwa stellt das Neugeschäft mit Lebenspolicen ein und zahlt den bisherigen Kunden nur noch die Mindestverzinsung.

Das Problem ist Finanzminister Hans Eichel bekannt. Ein ranghoher Beamter seines Ministeriums hatte jüngst erklärt, die Lage der Versicherer werde durch die Debatte über eine vermeintliche Bankenkrise viel zu sehr in den Hintergrund gedrängt.

Viele Unternehmen seien an den Problemen mit schuld, weil sie zu Zeiten des Börsenbooms zu einseitig in Aktien investiert hätten.

Plötzlich finden sich die Versicherer mitten in einer Debatte um die Sicherheit der Kundengelder. Dabei geht es nur ganz selten um die aktuelle Zahlungsfähigkeit eines Unternehmens – die ist wegen der hohen Beitragseinnahmen fast immer gesichert. Straucheln können Lebensversicherer vielmehr über die rigiden Regeln, mit denen die BaFin die Branche und ihre finanzielle Gesundheit im Interesse der Kunden überwacht.

Michaels tritt für eine grundlegende Änderung der Betrachtung von Kapitalanlagen der Versicherer ein. Die Branche gehe langfristige Verpflichtungen oft über 30 Jahre und mehr ein. „Die kurzfristige Reaktion auf Börsenentwicklungen ist weder im Interesse der Kunden noch der Unternehmen“, argumentiert Michaels.

Zitat:

„Wenn alle so gut daständen wie die Victoria Leben, wäre mir sehr viel wohler“ – GDV-Präsident Bernd Michaels

Bild(er):

Bär vor der Frankfurter Börse mit Logos der Versicherungskonzerne Victoria, Gothaer, Hannoversche Leben, Allianz, Gerling. Der Bärenmarkt belastet die Aktienvermögen der Versicherer – Bert Bostelmann/argum; FTD-Montage.

Quelle: Financial Times Deutschland


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