Stress mit dem Stresstest

Anforderungen der Aufsicht

Bestanden oder durchgefallen? Für die deutsche Versicherungswirtschaft gibt es seit neuestem eine Prüfung ganz eigener Art: den Stresstest der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin).

Die BaFin hat Anfang des Jahres alle Versicherer erstmalig aufgefordert, diesen Stresstest zum Bilanzstichtag 31. Dezember 2002 durchzuführen. Wer nicht besteht, wird zu einem Gespräch nach Bonn über Gegenmaßnahmen gebeten. Viel schlimmer für die Versicherer ist aber, dass die pauschale Note „nicht bestanden“ inzwischen weitreichende Auswirkungen auf das Ansehen der Unternehmen und ihrer Führung sowie auf den Vertrieb hat – Vertreter, Makler und vor allem Kunden werden unruhig.

Dabei ist der Stresstest nichts weiter als ein Frühwarnsystem. Er misst, ob die Gesellschaften nach einem extremen Crash noch genügend Mittel haben, um alle Kundenansprüche jederzeit bedecken zu können.

Das Szenario A – der harte Test – geht von einem Kursrückgang der Aktien um 35 Prozent und einem gleichzeitigen Rückgang der Rentenwerte um zehn Prozent aus, der weichere Test B von 20 Prozent und fünf Prozent. Unbestritten ist, dass der Test eine Reihe von Mängeln hat. So liegt die Wahrscheinlichkeit des gleichzeitigen Eintretens der beiden Extremtrends für Aktien und Anleihen unter 0,1 Prozent. Absicherungen, die ein Versicherer gegen den Fall seiner Aktienbestände gekauft hat, werden nicht berücksichtigt, ebenso wenig wie Bewertungsreserven bei festverzinslichen Namenspapieren.

Trotzdem ist die Kritik der Versicherer an dem Stresstest der BaFin sehr leise. Das hat seinen guten Grund: Der Test mit all seinen Mängeln wurde von der Assekuranz unter Federführung der Allianz Leben selbst entwickelt und vom Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft in langen Verhandlungen mit der BaFin durchgesetzt. Jetzt denkt die Finanzaufsicht über eine Modifizierung nach.

Der Stresstest wird mit Sicherheit seine Spuren in den Anlageportefeuilles der Assekuranz hinterlassen und zu niedrigeren Aktienbeständen führen. Wer kaum Aktien hat, hat keinen Stress mit dem Stresstest – so einfach ist das. Deshalb melden auch Versicherer stolz ein „bestanden“, an deren Finanzkraft aus ganz anderen Gründen Zweifel erlaubt sind. Viele von denen, die nicht bestehen, sind dagegen im Kern gesund.

Herbert Fromme .

Quelle: Financial Times Deutschland


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