Unternehmen drohen höhere Pleitekosten

Rekordschaden des Pensions-Sicherungs-Vereins für Betriebsrenten insolventer Firmen · Trend hält 2003 an

Von Anja Krüger, Köln Deutschen Unternehmen drohen weiter steigende Beiträgen für die Absicherung ihrer Betriebsrenten. Der Pensions-Sicherungs-Verein (PSV) musste auf Grund der dramatisch gestiegenen Zahl der Insolvenzen 2002 das höchste Schadenvolumen seiner Geschichte verkraften. „Der Trend hat auch in den ersten Monaten dieses Jahres angehalten“, sagte PSV-Vorstand Martin Hoppenrath gestern in Köln. Die Rücklagen, mit denen der PSV die Erhöhung der Beiträge für 2002 noch abmildern konnte, seien aufgebraucht. Der PSV legt seinen Beitragssatz jeweils im November rückwirkend für das laufende Jahr fest.

Der 1974 gegründete PSV ist eine Selbsthilfeeinrichtung der deutschen Wirtschaft. Unternehmen sichern Anwartschaften der Mitarbeiter aus direkten Rentenzusagen oder internen Rentenkassen über den PSV, damit die Beschäftigten im Insolvenzfall ihre Ansprüche nicht verlieren. Zur Zeit deckt der Versicherungsverein Betriebsrentenansprüche von acht Millionen Berechtigten aus 40 000 Unternehmen ab.

Für 2002 zahlten die Mitgliedsunternehmen für Rentenansprüche in Höhe von 225 Mrd. Euro rund 1 Mrd. Euro. Im November des Vorjahres hatte der PSV den Beitragssatz von 2,5 Promille der Rentenverpflichtungen auf 4,5 Promille angehoben. Ein Unternehmen mit Zusagen in Höhe von 100 Mio. Euro musste 450 000 Euro statt 250 000 Euro zahlen.

Das ist der zweithöchste Beitragssatz in der Geschichte des PSV. Nur nach der AEG-Pleite im Jahr 1982 lag er mit 6,9 Promille höher. Der durchschnittliche Beitragssatz über alle 28 Geschäftsjahre betrug 2,2 Promille.

Wenn das Schadenvolumen beim PSV in diesem Jahr auf demselben Niveau liegt wie 2002, müssen die Mitgliedsunternehmen mit einer weiteren drastischen Erhöhung rechnen. Denn der Beitragssatz hätte in 2002 aufgrund der vielen Schäden eigentlich schon auf 6,1 Promille steigen müssen. Das konnte der PSV nur durch Entnahmen in Höhe von 300 Mio.Euro aus seinem Ausgleichsfonds abfedern. „Das kann man nur einmal machen“, sagte auch Hoppenrath. Der Ausgleichsfonds enthält nur noch 71 Mio. Euro.

Die hohe Schadenfrequenz hat 2003 bisher angehalten, hinzu kommen Großschäden wie die Pleite des Elektronikkonzerns Grundig. „Das Schadenvolumen liegt bisher ein wenig unter dem Vorjahr, aber die Zahl der Insolvenzen ist gestiegen“, sagte Hoppenrath. Nähere Angaben wollte er nicht machen. „Zur Entwicklung des Beitragssatzes 2003 können wir erst in den nächsten Monaten etwas sagen“, erklärte er. Mit einer Beitragssenkung sei nicht zu rechnen. Eine Erhöhung ausschließen wollte er nicht. „Wir hoffen aber auf eine gute Schadenentwicklung.“

Die Wirtschaft ist pessimistischer. „Ich gehe fest davon aus, dass es zu einem weiteren Anstieg des Beitragssatzes kommt“, sagte der für Versicherungen zuständige Manager eines deutschen Großkonzerns. Wie hoch die Steigerung ausfalle, sei schwer zu schätzen. Die Insolvenzwelle rolle weiter, aber nicht jedes zahlungsunfähige Unternehmen sei Mitglied im PSV.

Die drastische Beitragserhöhung für das Vorjahr wurde notwendig, weil sich bereits im Herbst abgezeichnet hatte, dass der PSV das Geschäftsjahr 2002 mit einem Rekordschaden abschließen würde. Die Zahl der Insolvenzen von Mitgliedsunternehmen ist um fast ein Drittel von 448 auf 643 gestiegen. Das Schadenvolumen hat sich mit einer Steigerung von 614 Mio. Euro in 2001 auf 1,48 Mrd.Euro 2002 mehr als verdoppelt. Es liegt damit höher als der Rekord von 725 Mio. Euro im Jahr 1996, der unter anderem auf die Insolvenz des Bremer Vulkan zurückgeht. Für den Anstieg in 2002 verantwortlich sind die Zunahmen der Insolvenzen kleinerer Unternehmen und eine Reihe von Großschäden wie Holzmann oder Babcock Borsig.

Der PSV springt nicht nur bei gerichtlichen Insolvenzverfahren, sondern auch bei außergerichtlichen Vergleichen ein. Bei Sanierungsverfahren kann er einen Teil der Rentenverpflichtungen eines Unternehmens übernehmen, um eine Insolvenz abzuwenden. „In den Jahren 2001 und 2002 ist es jeweils dreimal dazu gekommen“, sagte Hoppenrath. Der PSV wäre auch bereit gewesen, einen Teil der Verpflichtungen für Betriebsrenten Grundigs zu übernehmen, um dem taiwanischen Investor Sampo den Einstieg zu erleichtern. Der Deal kam trotzdem nicht zustande. Nach der Insolvenz des Nürnberger Unternehmens sind die Grundig-Betriebsrentner nun komplett ein Fall für den PSV.

Bild(er):

Eingang zum Grundig-Werk Langwasser in Nürnberg – Peter Roggenthin.

Quelle: Financial Times Deutschland


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