Gerling-Töchter wollen Eigenständigkeit

Der Lebens-und der Industrieversicherer leiden stark unter der Zugehörigkeit zum angeschlagenen Konzern

Von Herbert Fromme, Köln Im Topmanagement der Versicherer, die zur Kölner Gerling-Gruppe gehören, wächst die Unzufriedenheit mit der Konzernstruktur. Bei den operativen Töchtern Gerling-Konzern Allgemeine (GKA) und Gerling-Konzern Leben (GKL) sind immer mehr Manager für eine Loslösung von der Holding Gerling-Konzern Beteiligungs-AG (GKB), wie aus Kreisen der Geschäftsführung zu hören ist. An der Holding sind Rolf Gerling mit 94 Prozent und der Aufsichtsratschef Joachim Theye mit sechs Prozent beteiligt.

Der kollabierte Rückversicherer Gerling Globale Rück (GGR) wird gerade an den Manager Achim Kann verkauft. Der erfolgreiche Kreditversicherer Gerling NCM ist schon an Swiss Re und Deutsche Bank abgegeben worden.

Für Konzernchef Björn Jansli ist der Verkauf einer der beiden übrig gebliebenen Gesellschaften trotzdem ein Tabu. Finanzchef Immo Quaerner hatte vor zwei Monaten die GKL zum Kauf angeboten – ohne Erfolg. Seitdem ist nichts geschehen. Jansli blockt weitere Verkaufsanstrengungen ab.

Auch wenn der Konzernchef von einer Auflösung der Gruppe nichts wissen will: Erste praktische Schritte werden unternommen. So will die GKL künftig ihre Kapitalanlagen von 17,7 Mrd. Euro selbst managen und das nicht länger dem Konzern überlassen. Für die Schwestergesellschaft kann die GKL das als Dienstleistung mit übernehmen. Ähnliche Diskussionen gibt es über den Gerling-Vertrieb, der ebenfalls an der Holding hängt. Ihn will die GKA übernehmen. Für die GKL ist das kein Problem, zwei Drittel ihres Neugeschäfts kommen ohnehin von Maklern.

Bei den operativen Gesellschaften ist die Führung über den Kampf für ein besseres Rating tief frustriert. Denn die Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) vergibt äußerst ungern für eine Tochter ein Rating, das deutlich besser ist als das der gesamten Gruppe und der Holding. Mit dem gegenwärtigen „BB+“ haben es die Töchter aber schwer im Markt – mindestens „BBB“ wäre nötig, um die großen Kunden zu beruhigen.

Für die GKA heißt das: Sie muss alle möglichen Klimmzüge machen, um wenigstens 60 Mio. Euro von Investoren aus der Wirtschaft zusammenzukratzen – eine entwürdigende Aufgabe für den zweitgrößten Industrieversicherer des Landes. Nur bei einer solchen Beteiligung der Industrie sei gewährleistet, dass es unabhängige dritte Aktionäre bei der GKA gebe und der Konzern die GKA nicht ausplündern könne, argumentieren die Analysten von S&P.

Die Lebensversicherungsschwester GKL hat es noch schwerer, weil die Industrie wenig Interesse an einem Einstieg hat. „Unsere Reserven belaufen sich auf insgesamt acht Prozent der Kapitalanlagen, wenn man wirklich die harten Komponenten misst“, sagte ein GKL-Manager. Das sei etwa so viel wie bei gleich großen Konkurrenten, die deutlich bessere Ratings hätten. Manche Gesellschaft wie die Victoria Leben hat in der Börsenkrise deutlich stärker verloren als die GKL, aber trotzdem mit „AA-“ ein starkes Rating. Denn die Victoria gehört zur finanzstarken Münchener Rück.

Die Konzernzugehörigkeit ist für die beiden Gerling-Töchter ein großes Problem. Die Holding steht finanziell auf eher wackeligen Beinen. Der Kollaps der Rückversicherungstochter GGR, die vor allem im US-Markt Milliarden durch Managementfehler versenkte, wirkt im Gesamtkonzern auch 2002 nach. Genaue Zahlen gibt es nicht. Der Konzern hält den Geschäftsbericht, den der Aufsichtsrat schon lange verabschiedet hat, weiter unter Verschluss.

Dazu kommt: Die Holding hat als Verpflichtung die Pensionslasten der Gruppe in der Bilanz. „Der Konzern gehört zu rund der Hälfte seinen Rentnern“, spottete ein Manager. „Und der Konzern hat das Geld dieser Rentner zu großen Teilen in Rückversicherern in den USA angelegt.“ Das Geld ist weg – und die Kapitalknappheit des Konzerns macht es den Töchtern schwer, so erfolgreich im Markt zu agieren, wie sie es sonst könnten.

Bild(er):

Gebäude des Gerling Konzerns am Gereonshof in Köln. Die Tochtergesellschaften versuchen sich von ihrem Mutterkonzern freizuschwimmen – Henning Kaiser.

Quelle: Financial Times Deutschland


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