Münchener Rück zapft Börse an

Kapitalerhöhung bis zu 4 Mrd. Euro in Vorbereitung · Reaktion auf Druck der Rating-Agenturen

Von Patrick Jenkins, Frankfurt, und Herbert Fromme, Köln Nur vier Monate nach der letzten Kapitalerhöhung bereitet der weltweit größte Rückversicherer Münchener Rück Angaben aus Versicherungskreisen zufolge eine deutliche Erhöhung seines Eigenkapitals vor. Der Konzern will Anleger um bis zu 4 Mrd. Euro frisches Geld bitten.

Die Münchener Rück reagiert damit auf den Druck der Rating-Agenturen, vor allem von Standard & Poor’s (S&P). Ohne Stärkung der Kapitalbasis droht dem Rückversicherer eine weitere Herabstufung. Trotz der Kapitalerhöhung im April um insgesamt 3,4 Mrd. Euro hatte S&P die Bewertung um zwei Stufen auf „AA-“ herabgesetzt.

Das Rating ist für den Geschäftserfolg außerordentlich wichtig. Mit einem „A“-Rating würde der Marktführer in die zweite Liga abrutschen. Der schärfste Rivale Swiss Re steht mit „AA“ schon heute eine Note besser da als die Münchener. Der Marktdritte Berkshire Hathaway/General Cologne Re hat als einziger Rückversicherer sogar die begehrte Bestnote „AAA“ erhalten.

Nach Angaben von Analysten könnte die Münchener Rück bereits am Donnerstag Einzelheiten nennen, wenn sie die Konzernzahlen für das zweite Quartal vorstellt. Dann könnte sie die schlechte Botschaft der Kapitalerhöhung mit der guten Nachricht höherer Gewinne erträglicher machen. Analysten erwarten einen Gewinn von bis zu 650 Mio. Euro für das zweite Quartal. Im Vergleichsquartal 2002 hatte der Konzern einen Verlust von 1,2 Mrd. Euro verzeichnet.

Kapitalerhöhungen wirken sich in der Regel negativ auf den Aktienkurs aus. Die Rating-Agenturen hatten die Maßnahme jedoch gefordert, da die Konzernbilanz durch den zurückliegenden Verfall der Aktienmärkte belastet sei. Die Münchener Rück war überdurchschnittlich an der Börse engagiert. Die Gruppe musste allein 2002 insgesamt 5,7 Mrd. Euro auf Wertpapiere abschreiben.

Rückversicherer decken große Risiken für andere Versicherungsgesellschaften – die so genannten Erstversicherer – und organisieren so den Risikoausgleich langfristig und zwischen verschiedenen Ländern. Sie müssen bei Großfeuern oder Erdbeben ebenso zahlen wie bei Arzneimittelschäden oder Lebensmittelskandalen. Das Rating ist für sie das entscheidende Merkmal für Qualität – wie bei einem Autohersteller der Testbericht eines renommierten Instituts. Einem schlecht bewerteten Rückversicherer vertraut kein Erstversicherer Geld an. Schließlich muss er sicher sein, dass der Partner bei einem Großschaden auch in fünf oder zehn Jahren noch zahlungsfähig ist.

„Die Münchener Rück wird alles tun, um das Rating im,AA‘-Bereich zu verteidigen“, sagte ein Branchenkenner. Sie muss deshalb bis Oktober handeln – dann beginnen die Agenturen die Überprüfung der gegenwärtigen Bewertungen. Nach Angaben aus den Versicherungskreisen führt S&P derzeit intensive Diskussionen mit der Münchener Rück. Die Agentur sei der Ansicht, dass der Rückversicherer in den „AA“-Bereich gehöre. Allerdings wäre eine Herabstufung unvermeidbar, sollte der Konzern nicht bald ein Signal geben, dass er zu Kapitalmaßnahmen bereit ist.

In den vergangenen Wochen hatte die Münchener Rück wiederholt erklärt, weitere Kapitalmaßnahmen seien nicht nötig. Gestern deutete ein Sprecher eine Änderung der Haltung an. „Nach unseren Berechnungen ist unsere Kapitalbasis sehr stark. Aber wir sind natürlich Profis, und sollte es nötig sein, holen wir uns frisches Geld.“

Nach Ansicht von Analysten könnte der neue Tonfall schon auf den Einfluss des künftigen Konzernchefs Nikolaus von Bomhard hindeuten, der zum Jahreswechsel Hans-Jürgen Schinzler ablöst. Schinzler wechselt in den Aufsichtsrat.

Versicherungskreisen zufolge wird die Münchener Rück die Kapitalmaßnahme wahrscheinlich in zwei Schritten durchführen. Zunächst sollten 2 Mrd. Euro aus einer Kapitalerhöhung kommen. Der zweite Schritt könnte ebenfalls bis zu 2 Mrd. Euro wert sein und entweder aus einer weiteren Kapitalerhöhung oder aus Hybridkapital bestehen. Das sind höher verzinsliche Anleihen, die im Falle einer Insolvenz nachrangig bedient werden. Die Rating-Agenturen erkennen sie deshalb als Eigenkapitalersatz an.

Bild(er):

Der künftige Vorstandsvorsitzende Nikolaus von Bomhard neben dem Konzernsymbol: dem „Walking Man“ – Thomas Geiger; Björn Hake.

Quelle: Financial Times Deutschland


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