Biotechnologie ist eine Düsseldorfer Erfolgsgeschichte

Branche erwirtschaftet hier mehr als die Hälfte des deutschen Gesamtumsatzes · Auslandsauftritt gemeinsam mit Köln, Aachen und Bonn als „Bioriver“

Von Anja Krüger Auf den Biotechnologie-Standort Düsseldorf lässt Detlev Riesner nichts kommen. „In München werden viele Firmen gegründet, aber in Düsseldorf wird das Geld verdient“, sagt er. Riesner ist Professor für physikalische Biologie und einer der Pioniere der modernen Biotechnologie in der Bundesrepublik. Vor fast 20 Jahren gründete er mit Studenten eines der ersten Unternehmen der jungen Branche in Deutschland.

Heute gibt es bundesweit 360 Biotechnologiefirmen, insgesamt beschäftigen sie rund 13 400 Mitarbeiter. In Nordrhein-Westfalen sind rund 130 Unternehmen der Branche beheimatet. 20 davon haben ihren Sitz in Düsseldorf, 17 weitere in der Umgebung, zum Beispiel in Hilden oder Erkrath. Die Zahl der Mitarbeiter in dieser Region liegt derzeit bei etwa 4000, und die Tendenz steigt.

Dabei ist Düsseldorf nur einer von mehreren Biotechnologie-Standorten hier zu Lande. München, Heidelberg und Berlin versuchen sich ebenso emsig als Zentren zu etablieren wie das nahe gelegene Köln. Trotzdem verdienen Firmen aus der Region Düsseldorf mehr mit der Biotechnologie als alle anderen Standorte zusammen. „Mehr als 50 Prozent des Umsatzes aller deutschen Biotechnologie-Unternehmen werden in der Region Düsseldorf erwirtschaftet“, sagt Riesner. Im vergangenen Jahr setzte die Branche rund 1 Mrd. Euro um.

Düsseldorf ist eingebunden in die Initiative Bioriver Rhein. Unter diesem Namen arbeiten Wirtschaft und Wissenschaft zusammen, um Forschungseinrichtungen, Unternehmen und Neugründungen zu fördern. In den 90er Jahren ging Bioriver als einer von drei Siegern beim BioRegio-Wettbewerb der Bundesregierung hervor und erhielt 25,5 Mio. Euro für Infrastrukturmaßnahmen.

Trotz der Standortkonkurrenz erscheinen Düsseldorf, Köln, Aachen und Bonn bei Messen und Veranstaltungen unter dem gemeinsamen Dach Bioriver. „Auf internationaler Ebene macht es keinen Sinn, als Stadt aufzutreten. Dort muss man sich als Region präsentieren“, sagt Martin Kretschmer, Biotechnologie-Beauftragter der Stadt Düsseldorf. Abgesehen davon kämpft jede Stadt um Firmenansiedlungen auf dem eigenen Terrain. Bis Ende des Jahres kämen vier weitere Biotechnologie-Unternehmen nach Düsseldorf, sagt Kretschmer. Ein paar davon werden in das Life Science Centre ziehen, ein Technologie-und Gründerzentrum, das eigens für die Branche in unmittelbarer Nähe der Universität gebaut wurde.

Derzeit gibt es hier 16 Mieter. Einer von ihnen ist Human Genome Sciences Europe. Hinter diesem Namen steckt ein amerikanisches Unternehmen, das von Düsseldorf aus die klinische Entwicklung von Arzneimitteln in Europa koordinieren will. Zurzeit sind in der deutschen Filiale fünf Mitarbeiter tätig, in drei Jahren sollen es 20 sein. Als Standort wären für Human Genome Sciences auch England oder Belgien, in Deutschland auch Frankfurt, Berlin oder München in Frage gekommen. Warum die Wahl auf Düsseldorf fiel, erklärt Geschäftsführer Florian Bieber. „Wir suchten die Nähe zu anderen Unternehmen, die im Bereich Biotechnologie arbeiten“, sagt er. Das wäre zwar auch in München möglich gewesen. „Aber es ist schwer, Leute nach München zu bekommen“, sagt Bieber. Die Lebenshaltungskosten sind dort hoch, damit steigen auch die Personalkosten. Außerdem liegt der Münchner Flughafen für Biebers Geschmack zu weit außerhalb. Solche Probleme gibt es in Düsseldorf nicht. Zwei Flughäfen in der Region sind schnell erreichbar. „Und man ist von Düsseldorf aus schneller am Frankfurter Flughafen als von München aus im Erdinger Moos“, sagt Bieber.

Düsseldorf gilt als deutsche Brutstätte der wirtschaftlich genutzten Biotechnologie. Junge Wissenschaftler gründeten hier in den 80er Jahren die ersten Firmen, darunter Qiagen, Rhein Biotech oder Cardion.

Nestor von Qiagen ist Biologieprofessor Riesner. Drei junge Wissenschaftler hatten unter seiner Regie eine Methode entwickelt, mit der die Struktur von Nucleinsäuren sauber im Reagenzglas zu trennen ist. „Diese Methode konnten Leute in Laboren auf der ganzen Welt gebrauchen“, sagt er. Zunächst versuchten seine Doktoranden mit den etablierten Chemie-und Pharmafirmen zusammenzuarbeiten. „Aber die Kooperation mit den Großen klappte einfach nicht“, sagt Riesner. Kurzerhand gründete er 1985 mit Metin Colpan, Karsten Henco und Jürgen Schumacher die Firma Qiagen. Das Unternehmen stellt Labormaterial zur Reinigung von Genstücken her. Heute arbeiten in Hilden bei Düsseldorf 800 Beschäftigte, 800 weitere kommen an anderen Standorten hinzu. Henco und Schumacher haben mittlerweile auch Evotech und Newlab Bioquality gegründet.

Als die Biotechnologie in den 90er Jahren boomte, gab es in Düsseldorf zu wenig Labore und Büros für die Unternehmen, die sich hier ansiedeln wollten. Die Stadt reagierte und begann 2001 mit dem Bau des Life Science Centers. Zu der Zeit setzten schon viele Städte auf die Biotechnologie und schufen großzügig Raum für die Branche. Ein weiteres Problem: Die Landesregierung unterstützt mehrere Standorte in Nordrhein-Westfalen, und so steht Düsseldorf auch mit Nachbarn wie Marl oder Dortmund in Konkurrenz. Dagegen fördert etwa Bayern den Standort München-Martinsried als alleinigen Schwerpunkt.

Auch wenn regionale Zusammenschlüsse und Fördermittel notwendig erscheinen – einen guten Namen scheint die Stadt in der internationalen Biotechnologie-Szene schon zu haben. Im April dieses Jahres erschien in der Zentrale von Human Genome Sciences in den USA ein Vertreter der Wirtschaftsförderung. Er habe gehört, dass das Unternehmen sich in Europa niederlassen wolle, und er bot ihm einen Standort in Nordrhein-Westfalen an. Die Leute bei Human Genome Sciences lehnten verwundert ab. Sie hatten die neue Filiale schon im März im Düsseldorfer Life Science Centre eröffnet.

Bild(er):

Ein Laborant kontrolliert Bakterien, die in einer Petrischale gewachsen sind – Argus/Rosenfeld.

Quelle: Financial Times Deutschland


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