Industrie sorgt sich um Versicherungsschutz

Versicherer und Rückversicherer gehen zunehmend restriktiv vor · Ausländische Anbieter sehen die Lücke

Von Herbert Fromme und Ilse Schlingensiepen Maurice Greenberg sprach mit leiser Stimme, und er sprach auf Englisch. Trotzdem hörten mehr als 200 Versicherungseinkäufer deutscher Unternehmen gebannt zu, als der Chef der American International Group (AIG) vor wenigen Wochen auf einer Konferenz des Deutschen Versicherungs-Schutzverbandes (DVS) sprach. Der DVS ist der Dachverband für mehr als 3000 Unternehmen und Gemeinden in Versicherungsfragen.

Es war der erste Auftritt des 78-jährigen AIG-Veteranen vor einem solchen Publikum in Deutschland. Die AIG ist – in Börsenkapitalisierung gemessen – weltweit der größte Versicherer. Aber in Deutschland ist ihre Präsenz bisher sehr zurückhaltend. Offenbar soll sich das ändern.

Greenberg nutzte seinen Auftritt im Lufthansa-Kongresszentrum in Seeheim-Jugenheim für einen Rundumschlag gegen die deutsche Konkurrenz, ohne die Namen Allianz, Ergo oder Münchener Rück auch nur einmal in den Mund zu nehmen. „Bank und Versicherung passt nicht gut zusammen“, sagte er, an die Adresse der Allianz gerichtet, die immer noch unter der Übernahme der Dresdner Bank leidet. „Wir haben keine Bank gekauft“, fügte er hinzu. „Die AIG hat niemals zu viel in Aktien investiert“, kam das nächste Geschoss. Während Münchener Rück und andere mehr als 30 Prozent ihrer Kapitalanlagen in Aktien anlegten und im Börsencrash Milliarden verloren, begnügte sich Greenberg mit den moderaten Zinsen aus Gemeindeanleihen und legte deutlich unter zehn Prozent in Aktien an.

Den Hauptangriff gegen seine Konkurrenten verpackte Greenberg in ein Versprechen. „Wir glauben an die Industrieversicherung. Wir werden dieses Geschäftsfeld auf keinen Fall verlassen“, sagte Greenberg. Allianz-Vorstand Axel Theis und Axa-Chef Claus-Michael Dill konnten den anwesenden Managern keine ähnliche Zusage machen.

Die Versicherungschefs der deutschen Industrie sind zutiefst frustriert. In den letzten zwei Jahren haben sich die Prämien vervielfacht – in Zeiten harter Sparregimes macht sie das im Unternehmen nicht gerade beliebt. Große Unternehmen wie AMB Generali oder Württembergische Feuer haben den Markt für schwere Risiken komplett verlassen. Die wenigen, die eine Papierfabrik oder ein Sägewerk überhaupt noch versichern, verlangen nicht nur hohe Preise, sondern auch kräftige Selbstbehalte im Schadensfall. Außerdem hagelt es Auflagen zur Brandverhütung und Schadenbegrenzung. Auch die Rückversicherer, die einen hohen Anteil der Industrie-Versicherungsrisiken übernehmen, machen den Industriellen wenig Hoffnung – sie setzen auf höhere Preise und striktere Risikokontrolle. Die Versicherungsbranche verweist auf die hohen Verluste aus diesem Geschäft in den 90er Jahren.

Gut verständlich, dass der alte Fuchs Greenberg diese Lage ausnutzt, um sein Unternehmen ins rechte Licht zu rücken. Auch andere Anbieter positionieren sich, darunter Versicherer und Rückversicherer aus Bermuda und London. Sie haben Erfolg: Bei Siemens, einem der Prestige-Accounts der deutschen Industrieversicherung, sind die etablierten Anbieter kaum noch vertreten. Konsortialführer ist seit dem 1. Oktober die Zurich Financial Services. Sie trägt 50 Prozent des Risikos. Die übrigen 50 Prozent kauft Siemens-Versicherungschef Stefan Sigulla international ein. Die größte Kapazität kommt vom Londoner Markt und von Bermuda-Gesellschaften.

Schon einmal hatte Siemens den Vorreiter bei einer Abwehrreaktion der Industrie nach heftigen Preiserhöhungen der deutschen Versicherer gespielt. 1994 verlagerte der Konzern einen großen Teil seines Versicherungsschutzes zum US-Anbieter Factory Mutual. Zahlreiche Industrieunternehmen folgten.

Für andere ist das keine Alternative. Sie fürchten ungewohnte und oft ungünstigere Bedingungen und verweisen auf die Erfahrung, dass auch schon in der Vergangenheit mancher ausländische Versicherer, gerade aus den USA, aufgetaucht und genauso schnell wieder verschwunden sei.

Die Mehrzahl der deutschen Industrieunternehmen setzt auf Bewährtes. Große Konzerne stützen die angeschlagene Gerling-Gruppe mit 150 Mio. Euro, mit denen die Industrie 30 Prozent am Industrieversicherer des Konzerns, der Gerling-Konzern Allgemeine (GKA), übernimmt. Die Kunden, die so zu Mitbesitzern ihres Versicherers werden, haben eine Heidenangst davor, den beiden anderen großen Anbietern Allianz und HDI ausgeliefert zu sein.

Dabei hat die Hilfsaktion schon fast etwas Paradoxes. Die Industrie will sich an Gerling beteiligen, aber so recht trauen die Finanzvorstände dem Investment nicht: Der Konzern muss Anteile an seiner Lebensversicherung an die Industrie verpfänden, um sie zum Einstieg bei der GKA zu bewegen. Offenbar sind die neuen Aktionäre nicht hundertprozentig von der Sicherheit ihres Engagements überzeugt. Aber das Unternehmen, in dem sie anlegen, hat genau den Geschäftszweck, ihnen als Versicherer finanzielle Sicherheit zu garantieren. Zweifel daran schließen einen Versicherungsabschluss eigentlich aus. Solche Gedanken wird sich kaum ein Versicherungseinkäufer machen. Er ist froh, wenn Gerling mit seinem unbestrittenen Know-how in der Risikobeurteilung und Schadenabwicklung erhalten bleibt.

Zitat:

„Wir werden die Industrieversicherung auf keinen Fall verlassen“ – AIG-Chef Greenberg

Bild(er):

Großfeuer in einer Holz verarbeitenden Fabrik bei Emden. Diese Branche muss besonders viel für ihren Versicherungsschutz zahlen – Bilderberg/Ellerbrock&Schafft.

Quelle: Financial Times Deutschland


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