IT-Probleme sorgen für Unruhe bei Ergo

Hamburg-Mannheimer mit Schmerzen auf Konzernsystem umgestellt · Vorstand Rosenberg im Interview

Von Herbert Fromme, Düsseldorf Große Unruhe herrscht bei der Hamburg-Mannheimer (HM), Deutschlands drittgrößtem Lebensversicherer. Am 13. Juli wurden die IT-Systeme des Unternehmens gegen die der Zwischenholding Ergo ausgetauscht, in der die Münchener Rück die meisten ihrer Erstversicherungstöchter gebündelt hat.

Seither gibt es in Hamburg große Probleme: Mitarbeiter kommen mit den neuen Programmen nicht zurecht, stapelweise häuft sich liegen gebliebene Arbeit, Vertreter beschweren sich über nicht policierte Verträge oder unbeantwortete Anfragen. Auch in der Schadenbearbeitung klemmt es: Berufsunfähigkeitsrenten werden nicht ausgezahlt, stattdessen erhalten Versicherte nur Vorschüsse.

„Wir hatten damit gerechnet, dass das Wasser im Keller steht. Jetzt steht es im zweiten Stock“, heißt es bei frustrierten Mitarbeitern. Jetzt sollen 120 Zeitarbeitskräfte helfen, den Rückstau in den nächsten Wochen abzuarbeiten. Seit Ende 2001 hat die HM ohnehin schon 374 Vollzeitstellen wegen des Projektes geschaffen – vor allem Sachbearbeiter, um die Mehrarbeit wegen der Umstellung zu bewältigen. „Der Arbeitsmarkt für Versicherungskaufleute in Hamburg ist leer gefegt“, so ein Konkurrent.

Für Ergo-Vorstand und Victoria-Leben-Chef Michael Rosenberg ist das Projekt „Esprit“ trotz aller Probleme „ein voller Erfolg“. „Die Mitarbeiter brauchen Zeit, das neue System anzunehmen“, sagte er im Interview mit der Financial Times Deutschland. „Vielleicht ist der Umfang des Neuerlernens von uns unterschätzt worden“, gibt er zu.

Rückstände seien bei einer so riesigen Umstellung aber normal. Bei Berufsunfähigkeitsrenten habe das Unternehmen ganz bewusst entschieden, noch nicht alle Funktionen zu aktivieren. Die Umstellung sei nötig gewesen. Ergo wolle eine einheitliche IT-Struktur, um Synergieeffekte zu heben. Zurzeit gibt die Ergo – auch wegen des Umbaus – 3,2 Prozent der Beitragseinnahmen für IT aus, das soll „deutlich unter drei Prozent“ gedrückt werden.

Das System der Victoria sei als Grundlage für die einheitliche Struktur verwandt worden, weil es – im Gegensatz zu dem der Hamburg-Mannheimer – auf Standarddatenbanken beruht. „Das alte System der Hamburg-Mannheimer ist größtenteils in den letzten 30 Jahren von der Gesellschaft selbst entwickelt worden. Es ist vollständig ausgereizt.“ Die Anforderungen der Zukunft hätte es nur schwer erfüllen können. Rosenberg gibt zu, dass manche Funktionen des alten HM-Systems – vor allem der hohe Automatisierungsgrad – noch nicht von den Ergo-Programmen wahrgenommen werden. Das sei eine Frage der Anpassung.

Der technische Übergang, die so genannte Migration, sei „sensationell gelungen“, sagte er. Projektchefin Bettina Anders sagte, es seien 13 Milliarden Datensätze übertragen worden. „Bei nur 1602 gab es Probleme.“

Auch die von Hamburger Mitarbeitern geäußerte Kritik am Beratungsunternehmen Accenture, das wesentlich in den Umbau einbezogen war, will Rosenberg nicht gelten lassen. „Die haben gut gearbeitet.“ Accenture erhalte zum Teil Erfolgshonorar, das werde selbstverständlich gezahlt.

Im kommenden Jahr wird die Ergo-Tochter DAS auf das einheitliche System umgestellt, 2006 folgt der Krankenversicherer DKV. „Im Wesentlichen werden wir das genauso machen wie bei der Hamburg-Mannheimer“, sagte Rosenberg.

Zitat:

„Die Umstellung bei der Hamburg-Mannheimer war ein voller Erfolg“ – Ergo-Vorstand Michael Rosenberg

Bild(er):

Nicht kompatibel: Wenn Versicherer fusionieren, hakt es meist bei der IT. Die Ergo-Gruppe, zu der auch die Victoria und die Hamburg-Mannheimer gehören, spürt dies zurzeit schmerzhaft – HP; FTD-Montage.

Quelle: Financial Times Deutschland


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